Un-Heilige der letzten Tage

26. Februar 2002, 08:50
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Über hartnäckige Grundfesten einer Religion: Einsatz für die Rechte der Frau im polygamen (Klein-)System - Teil IV

Das Kaffeethema hingegen konfrontiert uns erneut am nächsten Morgen, im Sündenpfuhl des Kaffeehauses im Schwulen/Lesbenzentrum, drei Blocks nördlich und drei Blocks westlich vom Tempel. Hier treffen sich am Sonntagmorgen die Un-Heiligen der letzten Tage, der "lesbische Terroristen- und Nähzirkel" zum fröhlichen Kaffeekränzchen.

Kirche verliert gemeinsame Sprache

Die gute Fee in der Runde ist Becky Moss, eine mollige Blondine, die eine Radioshow für Schwule und Lesben produziert. Die anwesenden Männer machen sich an der Espressomaschine zu schaffen und parieren gutgelaunt die Sprüche der Frauen. "Außenstehende glauben, Schwule und Lesben in Utah verstünden sich so gut, weil sie einen gemeinsamen Feind haben", kommentiert Becky. "Das stimmt nicht. Wir haben es der Kirche zu verdanken, dass wir eine gemeinsame Sprache sprechen".

Polygamie als Wiedergutmachung

Sie spendiert uns Chai-Tee. "Ich war zwölf, als ich von der Polygamie erfuhr. Männer hätten es schwerer als Frauen, in den höchsten Himmel zu kommen, wurde mir gesagt. Darum bekämen sie dort als Belohnung mehr Frauen. Also fragte ich mich, hey wart mal, wenn es für die schon schwer ist, was für eine Mühe wird es erst für mich sein, da hinein zu kommen? Kriege ich dann auch eine Menge Frauen?" Grosses Gelächter. "Mormonen-Frauen sind fabelhaft!" ruft Becky in die Runde, zur allgemeinen Zustimmung. "Sie sind so unterschiedlich, man kann sie nicht in ein Schema zwingen. Ich liebe die Frauen hier, ich bewundere die Art, wie sie in dieser Gesellschaft nicht nur überleben, sondern florieren. Sie haben herausgefunden, wie man die Männer manipuliert - und die meisten merken nicht einmal, dass sie es tun." Becky prostet mir mit ihrem Cappuchino zu: "Cheers!"

Außenseiter

Schwule und Lesben sind in Utah heute ein offenes Geheimnis und toleriert, solange sie nicht aufmucken. Dasselbe gilt für eine andere Randgruppe von Aussenseitern, obschon sie es sind, die von der Aussenwelt mit dem Begriff "Mormonen" gleichgesetzt werden. Dabei leben die meisten Polygamisten in Utah im Untergrund.

Praktizierte Grundfesten

Vielweiberei, ursprünglich ein Bestandteil der Religion, wurde 1890 gesetzlich abgeschafft. Trotzdem gibt es in Utah eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Polygamisten. Offiziell schätzt man sie auf 30'000. KritikerInnen glauben, es seien dreimal mehr, Anhänger geben an, eine wesentlich geringere Anzahl würden tatsächlich nach dem "Prinzip" leben, wie es von Gründer Joseph Smith genannt wurde.

Die polygamistische Feministin

Anne Whites Haus liegt meilenweit vom Tempel entfernt am Fuss der Berge. Das Wohnzimmer ist gutbürgerlich und blitzsauber, das zarte Porzellan auf den Spitzendeckchen passt nicht zu der grossgewachsenen, athletisch wirkenden Frau im Trainings-Anzug. "Das gehörte alles meiner Mutter", erklärt sie. Anne trat deshalb an die Öffentlichkeit, um den Medienberichten von Kindesmisshandlungen und anderen Missbräuchen in polygamistischen Familien ein positives Beispiel entgegenzusetzen.

Harte Konsequenzen

Sie veröffentlichte letztes Jahr mit zwei gleich Gesinnten eine Sammlung von Erlebnisberichten von Frauen in "pluralistischen Ehen". "Wenige unter uns wagen es, sich erkennen zu geben. Sie riskieren, ihren Job zu verlieren und aus ihren Wohnungen vertrieben zu werden, nur um ihres Lebensstils willen." Auch Anne Wilde gab uns erst dann die Erlaubnis zum Fotografieren als ich ihr versichere, die Fotos würde nicht in den USA erscheinen.

"Die Medien berichten immer nur über die schwarzen Schafe. In jeder Ehe gibt es Probleme. Wenn zwei Erwachsene zusammenkommen, müssen sich beide zuerst anpassen. In einer pluralistischen Ehe muss man sich einfach öfters anpassen", meint Anne mit einem verschmitzten Lächeln, das ihre strengen Züge mildert. "Klar, unsere Lebensart ist nicht für jeden. Aber wir glauben daran, dass das gerechte Ausleben des Prinzips unerlässlich ist, um in den höchsten Teil des himmlischen Königreiches zu gelangen."

Gemeinschaftsleben

Dianna, die mit uns gekommen ist, sieht sich neugierig um. Dem Anschein nach ist das Haus allein von Anne bewohnt. "In unserer Ehe leben wir Frauen alle getrennt", erklärt diese. "Das ist eine Wahl, die den Frauen vorbehalten sein sollte. Jüngere Frauen leben oft gerne zusammen, der Kinder wegen. Die einen können arbeiten, die anderen bleiben daheim und kümmern sich um die Kleinen. Frauen haben eine natürliche Tendenz dazu, sich miteinander zu verbünden, viel stärker als Männer. In einer pluralistischen Ehe haben Frauen dieses Bündnis, diese Freundschaft. Sie haben überhaupt viele Vorteile und Freiheiten, wenn es richtig gemacht wird", sagt sie, und korrigiert sich gleich: "Wenn der Mann es richtig macht."

Für Rechte der Frauen innerhalb des polygamen Systems

Dianna möchte wissen, wie Anne zur offiziellen LDS-Kirche steht. "Ich will die Kirche nicht kritisieren", meint Anne. "Sie tut viel Gutes. Ich bin in ihr aufgewachsen, ich bin eine Kusine des (früheren) Präsidenten Ezra Benson. Ich habe meinen Abschluss an der Brigham Young Universität gemacht, und im Tempel von Los Angeles geheiratet. Meine erste Ehe wurde geschieden, weil mein Mann meine Kinder und mich schlecht behandelte. Jetzt bin ich seit 32 Jahren in einer pluralistischen Ehe und sehr glücklich. Ich habe meine Unabhängigkeit und meine Freiheit und doch einen guten Mann. Es gibt viele Parallelen zwischen einer erfolgreichen monogamen und einer erfolgreichen polygamen Ehe. Respekt gehört in jedem Fall dazu." Anne White führt uns in den Keller und zeigt uns Regale voller religionsgeschichtlichen Werke, die sie zusammen mit ihrem Mann veröffentlicht hat. "Viele Mormonen kennen ihre eigene Geschichte nicht. Wir hielten letztes Jahr an einer historischen Konferenz eine Vorlesung. Zahllose Leute sprachen uns am Ende an und meinten: 'Jetzt begreife ich zum ersten Mal, wie meine Urgrossmutter ihren Mann mit drei anderen Frauen teilen konnte." Zum Abschied reicht Anne uns einige der Traktate. "Ich sehe mich als fundamentalistische Feministin", betont sie. "Ich bin für die Rechte der Frauen, innerhalb pluralistischer Ehen".

Siegeszug der Kommerzialisierung

Auf der langen Fahrt zurück ins Stadtzentrum ist Dianna nachdenklich. Anne hat ihr Eindruck gemacht. Ihr offensichtlicher Idealismus steht im Kontrast mit dem Pragmatismus von Brigham Young und seinen Nachfolgern. Deren Geschäftssinn hat aus der Vision eines irdischen Zions ein materialistisches Paradies erschaffen. Die von Smith erträumte Stadt mit dem Tempel als Zentrum erstreckt sich heute als end- und gestaltlose Zeilen monotoner Einfamilienhäuser. Grünzonen gibt es weniger, dafür steht vor jedem Haus der neuste Geländewagen und an jeder Ecke ein Shopping Center mit den Ladenketten, die das ganze Land umspannen: McDonalds, Gap, und natürlich das Kaffee-Imperium Starbucks, dessen Eroberung von Zion selbst das "Wort der Weisheit" nicht aufhalten konnte.

Im nächsten Teil erfahren Sie u.a. von politischen Bestrebungen von Frauen, die gegen die durch die Polygamie beschworene "Unterrockregierung" und den immanenten Inzest kämpfen.

von Sarah Paris

Die Autorin lebt als freie Journalistin in San Francisco. Ihr Text über die milliardenschwere und männerdominierte Kirche der Mormonen, die ihr Zentrum in Salt Lake City hat, wird in mehreren Teilen auf dieStandard.at veröffentlicht.
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