Kiba, Kino und Konkurs

25. Februar 2002, 12:50
1 Posting

Ein programmiertes Desaster, meint Ex-Kulturstadtrat Peter Marboe

Foto: Standard/Cremer Schwarze Markierungen zur grün-roten Kontroverse über das Kinosterben in Wien: Nach Ansicht von Peter Marboe, von 1996 bis 2001 (VP-)Kulturstadtrat in Wien, gründet der Konkurs der City-Cinemas auf dem "Scherbenhaufen sozialdemokratischer Kinopolitik".

Ein 'Kommentar der Anderen'

Wer die vor kurzem an dieser Stelle erschienenen Kommentare von Mercedes Echerer (4. 2.) und Elisabeth Vitouch (13. 2.) zum Konkurs der City-Cinemas gelesen hat, der kann sich ein gutes Bild darüber machen, wie unterschiedlich man an ein für die Wiener Kulturszene sehr ernstes Problem herangehen kann: Hier der mit emotionalem Engagement formulierte Versuch der grünen Europa-Abgeordneten Echerer, doch noch irgendeine Lösung zustande zu bringen, da ein kalter, technokratischer "Dann wird halt zugesperrt"-Kommentar der SPÖ-Filmsprecherin. Wobei ihr zwei Dinge anzurechnen sind:

Erstens wiederholt sie nicht den läppischen Hinweis des SPÖ-Kultursprechers Woller, dass der Marboe an allem schuld sei, (weil sie eben weiß, dass die Kiba-Kinos zu keiner Zeit in dessen Ressortverantwortung lagen), und zweitens schiebt sie nicht reflexartig die ganze Schuld auf den Megatrend der in ganz Europa entstandenen Cine-Centers. Sie weiß, dass man vor allem der Jugend kein "Kinogehverhalten" vorschreiben kann, sie weiß, dass die urbane Kinopolitik (keine Widmungserfordernisse) von der SPÖ voll mitgetragen wurde, und sie weiß natürlich auch, dass im Unterschied zu anderen Kinoeigentümern von der Wiener Holding praktisch überhaupt nichts in die strukturelle Verbesserung der Kiba-Kinos investiert wurde.

Aber dass ausgerechnet die sozialdemokratische Filmsprecherin die Hauptverantwortung ihrer Partei an diesem Desaster verschweigt und plötzlich nur mehr marktwirtschaftliche Spielregeln, auch was etwa das Gartenbau-Kino betrifft, gelten lassen will, ist schon mehr als sonderbar.

Zu Mercedes Echerers Analyse hätte im Titel - "Konkurs der Kinopolitik?" - ruhig anstelle des Frage- auch ein Rufzeichen gesetzt werden können. Jahrelang hat man sich nicht um die Kinos gekümmert, hat das Problem der völlig überforderten Holding zugeschoben, deren Weisheit letzter Schluss schließlich der rasche Abverkauf der heruntergekommenen Kiba-Kinos an Privatbetreiber war.

Diese hatten sich zum unternehmerischen Risiko nicht zuletzt deshalb entschlossen, weil ihnen zahlreiche Zusagen gemacht wurden, deren Nichteinhaltung jetzt dokumentiert wird. Mit diesen penibel aufgezählten und veröffentlichten Vorwürfen sollte sich die SPÖ-Regierung schleunigst auseinander setzen. Warum dies der Kulturstadtrat tun muss, versteht zwar niemand so recht, weil es sich ja - da hat Frau Vitouch Recht - primär um ein Wirtschaftsproblem mit kulturpolitischen Aspekten handelt. Aber er hat es nun einmal übernommen, ganz offensichtlich ohne die Zusage eines zusätzlichen budgetären Spielraumes, wodurch ein Scheitern programmiert war.

Zumindest die Wiener Kinoförderung (30 Millionen Schilling = 2,180.185 Euro in drei Jahren) wurde gerade noch rechtzeitig verlängert. Diese seinerzeit mit Brigitte Ederer vereinbarte Initiative hat zahlreichen Wiener Einzelkinos unter strenger Beachtung kulturpolitischer Prioritäten (die vorrangige Präsentation österreichischer Film-und Koproduktionen mit eingeschlossen) das Überleben erleichtert. Hätten sich die stadteigenen Kinos zeitgerecht, so wie andere Einzelkinos auch, auf den Wettbewerb mit den Cine-Centers eingerichtet, anstatt achselzuckend deren "Übermacht" (immerhin gehen jetzt ja auch wesentlich mehr Menschen wieder ins Kino) zu bejammern, dann könnten wir noch lange Zeit etwa im Flotten-Kino sitzen (dessen Monatsmiete nach dem Immobilienverkauf schlagartig auf 660.000 Schilling verzehnfacht wurde), anstatt über den Scherbenhaufen sozialdemokratischer (Kiba-)Kinopolitik zu klagen.

Niemand erwartet, dass die Stadt für wirtschaftliches Scheitern mit Millionen Steuergeldern einspringt, und richtig ist auch, dass es hier klare, EU-rechtliche Beschränkungen gibt. Aber Mut- und Fantasielosigkeit sind schlechte Ratgeber, wenn es um innovative Rettungsversuche geht. Als seinerzeit bekannt wurde, dass die Holding das Stadtkino verkaufen will, konnte durch eine Budgetverlagerung ins Kulturressort und die Einschaltung der Viennale die Erhaltung dieses für Wien wichtigen Programmkinos sichergestellt werden. Schon im April des vorigen Jahres wurde, wie die City-Cinemas nachweisen, die Stadt Wien bzw. der Kulturstadtrat von der bevorstehenden Problematik informiert.

Wieso hat man sich nicht schleunigst an einen runden Tisch mit Fachleuten wie Hans Hurch, Alexander Horwath oder Peter Zawrel, aber auch den Kultursprechern anderer politischer Parteien gesetzt und zeitgerecht nach einer Lösung gerungen?

Jetzt versucht man - nach erfolgter Konkursanmeldung - zu retten, was noch zu retten ist, und spricht davon, zumindest Gartenbau- und Metro-Kino als Viennale-Spielstätten erhalten zu wollen. Da Mailath-Pokorny nach eigenen Angaben über das "höchste Kulturbudget in der Geschichte Wiens" verfügt, wird das ja locker möglich sein.

Dass es nach glaubhaft recherchierten Angaben der City-Cinemas billiger gewesen wäre, wenn man sich zeitgerecht um eine intelligente Gesamtlösung bemüht hätte, ist zwar ärgerlich, aber nicht wirklich überraschend. Die jetzige Kino-(Konkurs-)Debatte muss auch als Teil eines größeren Gesamtanliegens verstanden werden. Überfällig wäre jetzt - so war es nach der erfolgreichen Reform der Wiener Filmfinanzierung 1999 auch gedacht -, initiativ die nächsten Schritte zu setzen, um Wien als Film- und Medienstandort wieder ernsthaft ins Gespräch zu bringen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25. 2. 2002)

Share if you care.