"Intellektuelle? Nein, nur Bürger!"

24. Februar 2002, 21:30
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In Italiens Kulturszene wächst die Aufbruchstimmung

Rom - Nach dem Aufschrei des Regisseurs Nanni Moretti über den Zustand der Linksparteien macht sich in Italiens Kulturszene eine neue Aufbruchstimmung breit. Über 300 Intellektuelle und Kulturschaffende folgten am Freitag in Rom einer Einladung der Linksdemokraten zur offenen Diskussion. Piero Fassino, Parteichef der Democratici di sinistra, lud die Intellektuellen ein, die Gründe für Berlusconis Wahlsieg zu analysieren, über Fehler nachzudenken und ein neues Gesellschaftsmodell zu entwerfen. Gleichzeitig appellierte er an alle, Frustration durch Hoffnung zu ersetzen. Der Regisseur und Theaterautor Moni Ovadia artikulierte die "Desorientierung in der Kulturszene". Das Unbehagen dürfe sich nicht in Schweigen äußern.

Konsumideologie

"Haben wir etwa die Fähigkeit eingebüßt, die Menschen träumen zu lassen?", fragte Ovadia selbstkritisch. Der Schriftsteller und ehemalige RAI-Chef Enzo Siciliano äußerte die Überzeugung, Moretti habe "die Leidenschaft neu geweckt und damit einen Weg aus der Ohnmacht gewiesen", die viele nach Berlusconis Sieg befallen habe. Der Regisseur Ettore Scola dachte über die Rolle der Intellektuellen nach: "Was haben wir der oberflächlichen Konsumideo- logie Berlusconis entgegengesetzt? Mit welchen Büchern, welchen Filmen, welchen Theaterstücken haben wir seine Wähler zu überzeugen versucht?" Gefragt sei Entrüstung, nicht Verzweiflung. Mit den ständigen Zwistigkeiten im linken Ölbaum-Bündnis ging die frühere Kulturministerin Giovanna Melandri hart ins Gericht. Nanni Moretti, der die Gewissenserforschung der Linken mit seiner schonungslosen Kritik angeregt hatte, verfolgte die Debatte, ohne das Wort zu ergreifen.

War die lebhafte Diskussion im überfüllten Saal des Kulturministeriums der "Beginn eines neuen Weges", wie es Giovanna Melandri hoffnungsvoll definierte? Vielleicht. Das von Fassino beklagte "Syndrom der Niederlage" scheint jedenfalls überwunden: Die Lethargie schlägt in Aufbruchstimmung um. Unübersehbares Zeichen dafür war der am Samstag von der Zeitschrift Micromega veranstaltete "Tag der Legalität" in Mailand. Statt der erwarteten 5000 kamen 40.000 Menschen, um gegen Berlusconis Justizpolitik zu protestieren.

Die Kabarettistin Sabina Guzzanti und Dario Fo ernteten für ihre Auftritte begeisterten Applaus. Die Autorin Fernanda Pivano beklagte den "Notstand der Demokratie". Mehrere Redner dachten erneut über die "Rolle der Intellektuellen" nach. Da war es vermutlich hilfreich, dass ein Demonstrant ein Schild mit der Aufschrift "Intellektuelle? Nein, nur Bürger!" in die Höhe hielt.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25. 2. 2002)

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