Gott ist (kein) Klang

27. Februar 2002, 20:49
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"Paradiso" folgt auf "Inferno" am Hamburger Thalia-Theater: Wie der slowenische Regisseur Tomaz Pandur Dante sieht

Nach dem Danteschen "Inferno" am Hamburger Thalia-Theater präsentiert der slowenische Regisseur Tomaz Pandur nun Teil zwei der "Göttlichen Komödie", "Paradiso": sinnliche Theaterminuten paradiesischer Stille.

Foto: Hans Jörg Michel Von STANDARD-
Mitarbeiter
Oswald
Demattia


Hamburg - Das Unausweichliche am Jenseits ist nicht, dass dort der Menschenkinder mehr oder minder gottgefälliges Erdenwallen dereinst bilanziert wird. Das ist reine Glaubenssache und also spekulativ. Das Unausweichliche am Jenseits ist, dass man dort nasse Füße kriegt. Das ist reine Theatersache und also spektakulär. Der Glaube verheißt den irdisch Guten ewiges Leben und den irdisch Bösen ewige Verdammnis. Das Theater warnt: ob Heiliger oder Sünder - wer lieber trockenen Fußes büßen oder selig werden möchte, sollte Gummistiefel mitbringen.

Für den Florentiner Dichter und Politiker Dante Alighieri, Jahrgang 1265, der so sehr ans Jenseits glaubte, dass er eine Reise dorthin halluzinierte und in seiner Divina Commedia in eine erhaben-gelehrte poetische Form brachte, war das Licht zuverlässiger Indikator christlich-metaphysischer Ordnung. Im Inferno ist's natürlich höllenfinster, und am anderen Ende, im Empyreum des Paradiso, herrscht das anschauungslose Wesen Gottes als reines Licht.

Der siebenhundert Jahre jüngere slowenische Regisseur Tomaz Pandur, Jahrgang 1963, glaubt vielleicht nicht mehr ans Jenseits, dafür umso mehr an Dante, dessen Versepos er ein "heiliges Buch" nennt und nun schon zum zweiten Mal fürs Theater adaptierte. Und weil Licht auf der Bühne nichts Besonderes ist, Wasser aber sehr wohl, haben Pandur und seine serbische Bühnenbildnerin Marina Hellmann am Hamburger Thalia-Theater zwar Dantes Faustregel "mehr Heil, mehr Licht" beherzigt, aber das Element ausgewechselt.

Himmelwärts waten

Also sind die Wassermassen, durch die Dante (Thomas Schmauser), Vergil (Dietmar König) und Beatrice (Fritzi Haberlandt) himmelwärts waten und planschen, seit dem vor Jahresfrist präsentierten Inferno in den beiden folgenden, auf einen Abend zusammengezogenen Etappen angewachsen. Hatte Pandur das Inferno außerhalb der Figuren, auf dem Balkan, angesiedelt und damit in den Sand gesetzt, verlegt er das Geschehen nun wieder zurück in deren weit und hoch ausgreifende, "die Elemente spekulierende" Bewusstseinsräume. Und aus dem kruden, nicht selten folkloristisch fuchtelnden Orgien-Mysterien-Spektakel wird erregendes Geistesdrama, wird großes Theater.

Anatomy of Melancholy nennt Pandur das Purgatorio, wo die Seelen von der Krankheit Fleisch genesen, auf Autoreifen schwimmend die Zeitung von gestern lesen, mit Jodlern hübsch verzierte Männerchoräle singen oder sehr malerisch als rote Grablichter übers Wasser tänzeln. "Alighieri, schläfst du?", fragt Vergil immer wieder.

Licht hören

Doch Dante schläft nicht, er träumt nur, träumt sich hinweg über Lethe, den Fluss des Vergessens, hinauf in die "celeste" Einsamkeit der reinen Liebe, ins Paradiso.

Pandur charakterisiert es als Lux, aber es ist ein Licht, für das man Ohren statt Augen braucht, weil man es hören muss, um es sehen zu können. "Meine Heimat ist die Stille, meine Nahrung ist das Schweigen", sagt Beatrice, und damit ist alles gesagt. Viel mehr wird nicht gesprochen in diesen betörenden fünfzig Minuten, in denen sich Unerhörtes ereignet: paradiesische Stille wird plastisch, wird hörbar, sichtbar und fassbar als packendes, sinnliches Theater. Aus zahllosen Gläsern auf einer langen weißen Tafel steigt am Ende zarte Sphärenmusik auf, kräuselt sich über den Wassern. Gott ist Klang. "Psst!", ermahnt Beatrice. Dabei waren alle längst mucksmäuschenstill. Ergriffener Beifall.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25. 2. 2002)

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