"Diesmal ist es besonders schlimm"

26. Februar 2002, 19:24
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Die Krise in Argentinien trifft auch österreichische Firmen, wie den Edelstahlerzeuger Böhler-Uddeholm, die in dem Land vertreten sind

Seit 80 Jahren ist der Edelstahlhersteller Böhler, seit 30 Jahren der mittlerweile übernommene schwedische Konkurrent Uddeholm in Argentinien präsent. "Wir haben schon viele Höhen und Tiefen erlebt. Aber diesmal ist es besonders schlimm. Wir haben seit drei Monaten unseren Verkauf weitgehend eingestellt. Unser tägliches Geschäft steht praktisch still", sagt der Chef der Niederlassung von Böhler-Uddeholm in Argentinien, Federico Kade dem STANDARD.

"Wir beliefern nur jene Kunden, die wirklich das Material dringend benötigen und halten alles andere zurück. Einfach auch deshalb, weil die meisten argentinischen Firmen nicht zahlen können."

In seiner Kartei hat Böhler-Uddeholm 1400 Kunden. Derzeit werden nur noch VW mit einem speziellen Baustahl für die Getriebeproduktion in Córdoba und ein argentinischer Hersteller von Autoventilen beliefert. Beide Firmen produzieren fast ausschließlich für den Export und können das Geld auch direkt an das Mutterhaus überweisen.

Abwertung

Die Verkäufe brachten Böhler-Uddeholm bisher einen Umsatz von rund 7,5 Mio. US-Dollar, der reine Materialverkauf zusätzlich fünf Mio. Euro pro Jahr. Derzeit sei infolge der Abwertung und der Freigabe des Peso gar nicht klar, zu welchem Wert die Ware eigentlich verkauft werde, beschreibt Kade eines der Hauptprobleme.

Seit dem 4. Dezember konnten außerdem infolge der Beschränkungen beim Geldtransfer keine Überweisungen ins Ausland - zum Beispiel an Lieferanten - mehr vorgenommen werden. "Dass man nicht in der Lage ist zu bezahlen, auch wenn man das Geld hat, ist unerträglich in einem zivilisierten Land", meint Kade. Für zusätzliches Chaos sorgten die Vielzahl von neuen Bestimmungen der Regierung, die einander zum Teil widersprächen.

Rezession

Die Krise hat die Firma nicht überrascht, zumal das Land sich schon seit vier Jahren in der Rezession befindet. Das Mutterhaus habe "in weiser Voraussicht" die argentinische Repräsentanz schon vor drei Jahren mit genügend Finanzmitteln ausgestattet, "sodass wir die Einkäufe sofort in Cash bezahlen können", so Kade. "Irgendetwas musste passieren. Ich habe schon länger damit gerechnet, dass die Eins-zu-eins-Parität von Dollar und Peso so nicht mehr zu halten ist. Auch wenn es komisch klingt, aber ich bin erleichtert, dass die Krise endlich eingetreten ist, weil die Situation so nicht mehr haltbar war."

Der Unternehmensberater Arndt Hasenclever gibt die Einschätzung von Großbetrieben wieder, dass erst Ende 2003, Anfang 2004 eine Reaktivierung der argentinischen Wirtschaft eintreten wird. 2004 könne, wenn alles gut gehe, wieder das Niveau von 2001 erreicht werden. Für ausländische Investoren sieht Hasenclever, der auch österreichische Firmen berät, durchaus lukrative Möglichkeiten. "Ausländische Firmen können natürlich argentinische Betriebe derzeit billig erstehen, zum Beispiel in der Papierindustrie." Außerdem sei die Gelegenheit für Investments bei exportorientierten Firmen in der Textil- oder Lederindustrie günstig.(STANDARD-Korrespondentin Alexandra Föderl-Schmid aus Buenos Aires, Der Standard, Printausgabe, 25.02.2002)

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