Business-Class mit 200 Sachen

24. Februar 2002, 18:22
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Runderneuerte und schnellere Reisezugwagen sollen ÖBB Marktanteile zurückgewinnen helfen

Wien - Die ÖBB sagen auf Strecken bis 600 Kilometer dem Flugzeug den Kampf an. Nicht nur schneller soll die Fahrt mit der Bahn werden, vor allem auch bequemer und für Geschäftsreisende in bisher nicht gewohnter Qualität.

"Beim Personenverkehr stehen wir im Blickpunkt der Öffentlichkeit", sagte ÖBB-Generaldirektor Rüdiger vorm Walde dem STANDARD. Anfang August 2001 ist vorm Walde vom Chefsessel der Berliner Verkehrsbetriebe an die Spitze der ÖBB gewechselt. Mit einem massiven Investitionsprogramm will er den lange Zeit vernachlässigten Personenverkehr aufmöbeln.

Kompletterneuerung von 720 Reisezugwagen

Statt 58 Mio. Euro (800 Mio. S), die ursprünglich für ein "Facelifting" der Außenhaut vorgesehen waren, sollen nun 218 Mio. Euro in die Kompletterneuerung von 720 Reisezugwagen fließen. Damit wollen die ÖBB Marktanteile zurückgewinnen, die zuletzt an Auto und Flugzeug verloren gegangen sind. Vorm Walde: "Wir müssen den Leuten etwas bieten, damit sie gerne mit uns fahren."

Zur Jahresmitte erwartet vorm Walde, dass die ersten, runderneuerten Garnituren aus den ÖBB-Werkstätten rollen. Für 2006 ist der Abschluss dieses Erneuerungsprogramms geplant. Die Reisewagen werden mit neuen Drehgestellen ausgestattet und auf Geschwindigkeiten von 200 Stundenkilometern ausgelegt. Außerdem sollen die Züge durch Anbringung von Antennen durchgehend handytauglich werden.

Anleihen bei der Flugzeug-Business-Class

Bei der 1. Klasse nehmen die ÖBB Anleihen bei der Flugzeug-Business-Class. Die bisherigen Sechserabteile werden durch Abteile mit vier Sitzplätzen ersetzt, die über Laptop- und Stromanschlüsse sowie speziell gestaltete Tische verfügen. Vorm Walde: "Da denken wir an einen Zuschlag, die Höhe steht noch nicht fest." Bei den Bahntarifen sei Österreich "ein Billiglohnland". Deutschland sei 30 Prozent teurer. Bei Preisänderungen müsse man mit Augenmaß vorgehen. "Die Straße ist eine starke Konkurrenz."

Die Bahnhofsoffensive, die aus Geldmangel von ursprünglich 43 auf 20 Projekte zusammengestrichen worden ist, hat vorm Walde zur Chefsache erklärt; der mit der Leitung des Projekts betraute Norbert Steiner ist ihm direkt unterstellt. Zu den Bahnhöfen, die als Erste neu gestaltet werden, gehören Graz, Innsbruck, Linz, Wien Mitte, Baden, Wiener Neustadt, Wels, Krems, Klagenfurt und Leoben. Alle diese Projekte sollen spätestens 2003 begonnen werden. Der Bahnhof Feldkirch ist bereits fertig gestellt.

Die Wiener Bahnhöfe Süd, West, Nord, Heiligenstadt und Hütteldorf sollen wie Salzburg, Attnang-Puchheim, St. Pölten und Bruck/Mur in einer zweiten Phase ab 2003 an die Reihe kommen. Vorm Walde möchte Privatinvestoren einbinden und "innerhalb des nächsten halben Jahres" mit ersten Gesprächen beginnen. (Günther Strobl, Der Standard, Printausgabe, 25.02.2002)

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