Djindjic will Mladic nicht ausliefern: "Der Preis ist zu hoch"

23. Februar 2002, 22:34
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"Dilemma" durch Den Haager "Zirkus"

Hamburg/Belgrad - Serbiens Ministerpräsident Zoran Djindjic will den wegen Kriegsverbrechen angeklagten ehemaligen Militärführer der bosnischen Serbien, Ratko Mladic, nicht ausliefern. Eine Festnahme und Überstellung Mladics an das Haager UNO-Tribunal könne zu einem Bürgerkrieg in seinem Land führen, sagte Djindjic zum deutschen Nachrichtenmagazin "Der Spiegel".

"Immerhin haben wir über 200.000 bosnische Flüchtlinge in Serbien, viele davon noch im Besitz von Waffen", sagte Djindjic, "der Preis ist zu hoch." Mladic gilt als Hauptverantwortlicher des Massakers von Srebrenica, bei dem im Sommer 1995 rund 8000 moslemische Bosniaken ermordet wurden. Vor kurzem hatte die jugoslawische Armee Mladic ihren Schutz entzogen.

"Dilemma" durch "Zirkus"

Kritisch äußerte sich Djindjic zur Wirkung des Haager Kriegsverbrecherprozesses gegen den jugoslawischen Ex-Präsidenten Slobodan Milosevic: "Das Tribunal ermöglicht Milosevic, seine Demagogie auszuspielen." Dieser "Zirkus" bringe die aktuelle serbische Reformregierung "gewaltig ins Dilemma". Viele in Belgrad seien nunmehr überzeugt, das Milosevic "erfolgreich die NATO zum Hauptverbrecher erklärt" habe.

Der Europäischen Union warf Djindjic vor, zugesagte Finanzhilfen für sein Land bewusst zu verzögern und so den Reformprozess zu gefährden. Eine aktuelle Entscheidung Brüssels, die Zahlung von 45 Millionen Euro an Belgrad zu streichen, bezeichnete er als "Skandal". Bereits im vorigen Jahr habe die EU von versprochenen 300 Millionen Euro zwei Drittel zum Tilgen der Schulden aus der Ära Milosevic abgezogen, sagte der serbische Ministerpräsident. "Die EU benimmt sich, als sei sie bei Milosevic in die Lehre gegangen."

Wegen der Finanznot könne Serbien weder Kriegsschäden beseitigen noch eine neue Industrie aufbauen, sagte Djindjic. Das seien "Zeitbomben, welche die Reform unserer demokratischen Regierung zum Stillstand bringen können. Was wird der Westen dann machen?" (APA/dpa)

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