Von "Illyrien" in den SHS-Staat

23. Februar 2002, 20:19
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Die Forderung nach Vereinigung des slowenischen Sprachgebiets zu einem eigenen Land der Monarchie wurde immer wieder abgelehnt. Der verlorene Krieg brachte 1918 die endgültige Trennung von Österreich.

Im Frieden von Schönbrunn (1809) musste Österreich einen großen Teil seiner südslawischen Besitzungen an Napoleon abtreten. Die Grafschaft Görz, das Herzogtum Krain, Triest, Monfalcone, der Kärntner Kreis Villach, Osttirol, Istrien, der Großteil von Kroatien und Dalmatien wurden als "Illyrische Provinzen" ein Teil des Französischen Kaiserreichs. Das Land erhielt den Code Napoléon als Gesetzbuch, wodurch die überkommene Feudalordnung wesentlich eingeschränkt wurde.

Frankreichs Griff nach dem Südosten blieb ein Intermezzo. 1815 waren die Gebiete wieder unter der Krone Habsburgs. Da Venetien 1797 zu Österreich geschlagen worden war und wieder dorthin zurückkehrte, waren nun auch die Resia-Slowenen Habsburgs Untertanen und so der gesamte slowenische Siedlungsraum in einem Reich vereint. Der Namen der alten Illyrer blieb vorerst im "Königreich Illyrien" erhalten, zu dem 1816 Krain, Kärnten, Görz, Gradisca, Triest und Istrien zusammengefasst wurden. In dieser Verwaltungseinheit, die bis 1848 aufrechterhalten wurde, waren die Slowenen der stärkste Bevölkerungsteil.

Die Ereignisse des Jahres 1848 waren bei den Slowenen viel eher von sozialen Hoffnungen als von nationalen Ideen getragen. Der überwiegend bäuerlichen Bevölkerung ging es um die Grundentlastung und die Aufhebung der Untertänigkeitsverhältnisse mit den Verpflichtungen zu Robot und Zehent. In den Kreisen der Sprachgelehrten und Dichter aber glaubte man die Zeit für eine grundlegende Neugestaltung Österreichs und damit auch für ein "Vereintes Slowenien" als neue politische Einheit im Habsburgerreich gekommen.

Die wissenschaftlichen Grundlagen für die Bestätigung der romantischen Idee der Einheit von Sprache und Nation hatte den Slowenen der - durchaus konservative - Slawist Jernej (Bartholomäus) Kopitar mit seiner "Grammatik der slawischen Sprache in Krain, Kärnten und Steiermark" (1808) geliefert. Im Neoabsolutismus des jungen Kaisers Franz Joseph war kein Platz für solche Neuerungen. Immerhin ersetzte fortan das Wort "Slowenen" als amtliche Bezeichnung das bis 1848 zumeist gebrauchte "Windische".

Als verfassungsmäßige Zustände wiederhergestellt wurden, lebte auch die slowenische Vereinigungsbewegung wieder auf. In den in allen slowenischen Regionen aufblühenden Lesevereinen wurde die Bildung einer Nationalpartei vorbereitet. Bei den Wahlen von 1867 - es waren Kurial- und Zensuswahlen, es gab kein allgemeines Wahlrecht, die zumeist deutsch wählenden Kurien der Städte und des Großgrundbesitzes waren privilegiert - errangen die Slowenen erstmals eine Mehrheit im Landtag.

Der Nationalitätenkampf, der in den letzten Jahrzehnten der Monarchie immer heftiger wurde, erreichte einen Höhepunkt im Streit um die Einrichtung von slowenischen Parallelklassen in der südsteirischen Stadt Cilli, wie es sie schon in Marburg gab. Das deutsche Bürgertum der kleinen Stadt fürchtete die Zuwanderung aus den umliegenden slowenischen Landgemeinden, und die deutsch-liberale Linke im Reichsrat stürzte daraufhin den Ministerpräsidenten Windischgrätz, der den Vorschlag eingebracht hatte. Dies war eine der Demütigungen, die die Slowenen der Monarchie immer mehr entfremdeten und der Annäherung an die anderen Südslawen Auftrieb gab; der Vorschlag des kroatischen Bischofs und Landtagsabgeordneten Josip Juraj Stroßmayer, unter Berufung auf das kroatische Staatsrecht in einem neuen Ausgleich einen dritten, südslawischen Gliedstaat unter Einschluss der Slowenen und der in Österreich lebenden Serben zu schaffen, gewann großen Zuspruch.

Auch in Slowenien bildeten sich, wie im ganzen Reich, neue Massenparteien: die klerikale Katholische Nationalpartei (ab 1905 Slowenische Volkspartei), die Slowenischen Liberalen und die - zunächst multinational ausgerichtete - Sozialdemokratie. Die Einführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts (für Männer) wirkte sich bei den Wahlen 1907 und 1911 für die Slowenen günstig aus, obwohl in Kärnten Teile des slowenischen Sprachgebiets mehrheitlich deutschsprachigen Wahlkreisen zugeordnet wurden. In der Untersteiermark kandidierte übrigens auch eine deutschgesinnte "Stajerc"-Partei. Das Gros der slowenischen Mandate in der Südsteiermark, in Krain, Görz und im Kärntner Bezirk Ferlach entfiel auf die Klerikalen, in Triest (1 Mandat von 5) und im angrenzenden istrianischen Bezirk Castelnuovo auf die Liberalen. Da in den Landtagen das Kurialsystem weiter bestehen blieb, gab es bei 40 Prozent slowenischer Einwohner nur 25 Prozent slowenische Mandate.

Die studentische Jugend gab angesichts der Vergeblichkeit der Föderalisierungswünsche mit dem Ziel eines vereinten Slowenien den "Austroslawismus" auf und begeisterte sich für die nach einer Zeitschrift benannte Preporod-("Wiedergeburt")Bewegung, die nur noch an eine gewaltsame Trennung von Österreich glaubte. Im Ersten Weltkrieg, in dem Slowenien in den Isonzoschlachten schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde, lehnte auch der neue Kaiser Karl I. die Forderung nach sofortiger Reform des Reichs zu einem trialistischen Gebilde mit einem südslawischen Reichsteil ab. Die slowenischen Parteien gingen in Totalopposition, erklärten im Mai 1918 das Bestehen auf dem Selbstbestimmungsrecht, gründeten im August in Laibach einen slowenischen Narodni svet (Nationalrat) mit Gebietsausschüssen in Marburg, Klagenfurt, Görz und Triest, proklamierten mit Zustimmung einer großen Volksversammlung am 29. Oktober 1918 in Laibach die Loslösung von Habsburg und bekannten sich in Zagreb/Agram zur "Drzava Slovencev, Hrvatov i Sbrov" (Staat der Slowenen, Kroaten und Serben). 33 Tage später war die Drzava SHS ein Königreich, die Kraljevina SHS, und die Slowenen rückten im Austausch gegen die Serben im Staatsnamen an die dritte Stelle. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23./24. 2. 2002)

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