"Wir kämpfen, bis das Unrecht aus dem Krieg gesühnt ist"

24. Februar 2002, 18:30
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Notfalls wollen Griechen dafür auch das Goethe-Institut pfänden - ein STANDARD-Interview

Im September wurde die Versteigerung bis auf weiteres ausgesetzt. Seit dieser Woche ist klar: Der Oberste Gerichtshof Griechenlands muss entscheiden, ob die Gebäude des Goethe-Instituts und des Deutschen Archäologischen Instituts in Athen unter den Hammer kommen. Der Grund: Hinterbliebene von Opfern eines SS-Massakers wollen eine Entschädigung von der Bundesrepublik. Sie berufen sich dabei auf einen Gerichtsbeschluss aus 1997, mit dem Deutschland zur Zahlung von 29,7 Mio. Euro (408 Mio. S) wegen der Ermordung von 217 Einwohnern des mittelgriechischen Dorfes Distomon verurteilt worden ist.

Zwischen 1941 und 1944 hat die NS-Besatzungsmacht in Griechenland schwere Verbrechen begangen: 130.000 Zivilisten wurden getötet, mehr als 60.000 griechische Juden deportiert und ermordet. 300.000 Menschen starben an Hunger und Kälte, weil Brennstoff und Nahrungsmittel beschlagnahmt waren. 50 Prozent der Gewerbe- und Industriebetriebe, 75 Prozent des Straßen- und Schienennetzes, 73 Prozent der Handelsflotte wurden zerstört.

Die Konferenz der Siegermächte hat 1946 in Paris die griechischen Reparationsansprüche auf über sieben Milliarden Dollar beziffert. Bis heute hat Deutschland aber praktisch keine Entschädigung geleistet. Nur einmal, 1960, überwies die BRD 115 Millionen Mark als Wiedergutmachung an Griechenland. Ihrer Auffassung nach sind damit alle Ansprüche abgegolten.

Dagegen wehrt sich das "Nationalkomitee für die Entschädigungsforderungen Griechenlands gegenüber Deutschland". Manolis Glezos (79), Vorsitzender des Nationalrates und Symbolfigur des griechischen Widerstands, über die Hintergründe:

STANDARD: Hinterbliebene sollen 65.000 Anträge bei Gericht gestellt haben. Wie berechnen Sie deren Ansprüche?

Glezos: Menschenopfer lassen sich nicht beziffern. Aber Restschulden aus dem Ersten Weltkrieg von 35,7 Millionen Dollar. Schulden aus dem bilateralen Handel zwischen den beiden Kriegen von 523,9 Millionen US-Dollar. 7,1 Milliarden US-Dollar Reparationsforderungen aus dem Zweiten Weltkrieg. 3,5 Milliarden US-Dollar, die der Bank von Griechenland abgenötigt wurden, um die Stationierungskosten für die Besatzungstruppen in Griechenland und die Verpflegung des Afrika-Korps zu bestreiten. Und die Rückerstattung gestohlener antiker Schätze.

STANDARD: Deutschland argumentiert, dass die junge Generation nach so langer Zeit nicht bereit sei, die volle Last finanziell zu tragen.

Glezos: Für neue Kriege und neue Tote hat die deutsche Regierung Geld, nur nicht für die früheren Opfer. Der deutsche Staat von heute ist doch der Rechtsnachfolger des Dritten Reiches und muss dessen Schulden übernehmen. Das ist doch internationales Recht.

STANDARD: Die Bundesregierung befürchtet zudem, dass andere Länder dem Beispiel Griechenlands folgen könnten.

Glezos: Die Nazis haben kein anderes Land zu einer Zwangsanleihe genötigt. Wenn Deutschland diese zurückzahlen würde, könnte kein anderes Land eine solche Forderung erheben. Alle Staaten haben von Deutschland Reparationen erhalten, außer Griechenland.

STANDARD: Sie erkennen die 115 Mio. Mark von 1960 nicht als Reparationsleistung an?

Glezos: Nein, das war ein Fehler der griechischen Regierung. Der deutsche Botschafter in Athen sagte vor einigen Monaten, man solle nicht zurückschauen, sondern in die Zukunft sehen. Warum hat Deutschland dann dem Druck der Amerikaner nachgegeben und zahlt Zwangsarbeitern eine Entschädigung? Außerdem: Nach den deutschen kamen italienische und bulgarische Truppen. Italien und Bulgarien haben Reparationen bezahlt. Deutschland nicht.

STANDARD: Die Bundesrepublik beruft sich auf die Staatenimmunität, derzufolge Personen keine anderen Staaten verklagen können. Wie wollen Sie sich durchsetzen?

Glezos: Notfalls mit Zwangspfändungen des Goethe-Instituts, der Deutschen Schule in Athen und des Deutschen Archäologischen Instituts. Das höchste griechische Gericht wird darüber am 21. April 2002 entscheiden. Gegebenenfalls bringen wir die Angelegenheit vor die höchsten europäischen Gerichte in Straßburg und Den Haag. Wir werden Deutschland ganz sicher nicht die Kehle zudrücken, aber kämpfen, bis das kriegsbedingte Unrecht gesühnt ist. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23./24. 2. 2002)

Von STANDARD-Mitarbeiter Frank Hartmann aus Athen
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