Caesaropapisten in Aktion

23. Februar 2002, 00:05
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"Aktionismus all inclusive": Josef Schweikhardt und Vintila Ivanceanu zerlegen eine Kunstgattung

Von Christoph Winder

Nach ZeroKörper und Triebwerk Arkadien ist das Wiener Autorenduo Vintila Ivanceanu/Josef Schweikhardt Ende vergangenen Jahres mit einem neuen Opus an die Öffentlichkeit getreten: Aktionismus all inclusive ist deutlich schlanker als seine theoretisch weit ausholenden und tief lotenden Vorgänger, bietet aber wie diese sublimen Wortwitz und eine originelle Durchdringung seines Gegenstandes. Der Gegenstand: Ist die Kunstform des Aktionismus, dem sich die Autoren in durchaus kritischer Absicht nähern. Ausgangspunkt der Kritik ist freilich nicht die in diesem Kontext häufig vorwaltende Hausmeisterperspektive ("das ist ja keine Kunst mehr"), sondern sie erfolgt aus einer radikal avancierten theoretischen Position, in der vor allem die jüngsten technologischen und medialen Errungenschaften eines Zeitalters, in dem Technologie und Medien die Kunst fallweise alt aussehen lassen, mitgedacht sind.

Ein wiederkehrender Topos des Buches ist, dass der Aktionist stets Gefahr läuft, aller vorgeblichen Staatsfeindlichkeit und Areligiosität zum Trotz die repressiven und bigotten Momente seines Herkunftsmilieus mehr zu reproduzieren denn zu transzendieren (die Kunstkirche von Hermann Nitsch, die parastaatlich organisierte Kommune von Otto Mühl). Flatz, der als lebender Glockenschwengel weithin Bekanntheit erlangt hat, erscheint Schweikhardt/Ivanceanu gar als "kryptosentimentaler Moralfreak". Von da ist es dann nicht mehr weit zum Befund, der Aktionist gebärde sich wie ein "caesaropapistischer Doppelherrscher":

"Selbsternannte Könige über die zu beherrschende Realität des Irdischen und gleichzeitig kunstreligiöse Päpste der metaphysischen Ausdruckssphären." In der kritischen Absicht erschöpft sich Aktionismus all inclusive freilich nicht, sondern das Buch lässt sich auch als eine kenntnisreiche und witzige Bestandsaufnahme dessen lesen, was sich derzeit auf aktionistischem Gebiete umtut. Nicht einmal auf den belgischen Tortenterroristen Le Gloupier wurde vergessen.

Schweikhardt/Ivanceanu dehnen ihren Aktionismusbegriff erheblich über das engere Gebiet des künstlerischen Aktionismus aus. Mehrere Kapitel gelten aktionistischem Tun und Treiben, das in die gegenwärtige Massenkultur - TV, Kino, Comics, aber auch ins Internet - eingedrungen ist und von dort den Alleinherrschaftsanspruch der "Caesaropapisten" erodiert. "Nach dem Priester, dem Künstler und dem darauf folgenden klassischen Kunstpriester sind nun der edle Sysop (Systemoperator) und der die elektronische Aktionspartitur leitende Webmaster an der Reihe". Auch wenn man sich nicht jeder Behauptung von Aktionismus all inclusive anschließen mag: Allein als Opus von maximaler sprachlicher Ereignisdichte lohnt es die Lektüre.

Josef Schweikhardt/Vintila Ivanceanu, Aktionismus all inclusive. EURO 18,50/öS 255,-/144 Seiten. Passagen Verlag. Wien 2001.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23./24. 2. 2002)
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