Der amerikanischen Tragödie dritter Teil

22. Februar 2002, 22:08
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"Der menschliche Makel": Meisterhaft konstruiert Philip Roth eine Reihe von Lebensläufen

Von Sebastian Fasthuber

Ich hoffe, dass es nicht vermessen klingt: Als ich dieses Buch schrieb, wollte ich eine moderne Tragödie schreiben." Philip Roth überspannte den Bogen in einem Interview, das er kürzlich der Süddeutschen Zeitung gab, keineswegs. Tatsächlich gelingt ihm mit Der menschliche Makel (das amerikanische Original erschien 2000 unter dem Titel The Human Stain) - dem Abschluss seiner amerikanischen Trilogie, die weiters Amerikanisches Idyll (1997, mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet) und Mein Mann, der Kommunist (1998) umfasst - was ganz Großen vorbehalten ist: Auf 400 Seiten bündelt er die Kräfte der jüngeren amerikanischen Geschichte vom Vietnam-Desaster bis zur Clinton-Schmierenkomödie und ewigmenschliche Motoren wie Ehrgeiz, Neid, Lust, Eifersucht, Wut und Gier zu einer packenden modernen Tragödie in Romanform, die möglicherweise den Höhepunkt seiner mittlerweile über vier Jahrzehnte dauernden Laufbahn als Erzähler markiert.

Roths tragischer Held trägt den Namen Coleman Silk. Er ist 71, Jude und bis kurz vor Einsetzen der Handlung College-Professor für Klassische Philologie und Dekan einer Uni in New Jersey, zu deren Aufstieg er entscheidend beigetragen hat. Sein tiefer Fall wiederum wird durch eine eigentlich lächerliche Begebenheit eingeleitet: "Das Seminar hatte vierzehn Teilnehmer. Um die Namen seiner Studenten zu lernen, ging Coleman jeweils zu Beginn der Sitzungen die Anwesenheitsliste durch. Fünf Wochen lang kam auf zwei der Namen, die er verlas, keine bestätigende Antwort, und so fragte Coleman am Anfang der sechsten Sitzung: 'Kennt jemand diese Leute? Hat sie schon mal jemand im College gesehen, oder sind es dunkle Gestalten, die das Seminarlicht scheuen?'"

Er kann nicht wissen, dass es sich bei den beiden fehlenden Studenten um Schwarze handelt (im Original steht "spooks", was sowohl "Gespenster" als auch einen veraltete abschätzige Bezeichnung für Farbige meinen kann; mit "dunkle Gestalten" ist dem sorgfältigen Übersetzer Dirk van Gunsteren im Deutschen eine gute Annäherung daran geglückt). Eine Mischung aus Scheinheiligkeit, falsch verstandener political correctness und blankem Opportunismus führen dazu, dass sich die Mehrzahl seiner Kollegen, angeführt von der ehrgeizigen jungen Französin Delphine Roux, gegen ihn stellt und Silk plötzlich als Rassist dasteht. Zunächst will er sich mit allen Mitteln gegen die Anschuldigungen wehren. Doch als seine Frau Iris aus Aufregung über die Affäre an einem Infarkt stirbt, zieht er sich aus dem College-Geschehen zurück.

Auftritt Nathan Zuckerman, Roths berühmtes alter ego seit Der Ghostwriter (1979). Er hat sich in einem Haus in den ruhigen Berkshires verbarrikadiert, um seine Zeit fern aller lästigen Gesellschaft einzig dem Schreiben und Lesen zu widmen. Doch dann steht sein Nachbar Coleman Silk vor der Tür und holt den Schriftsteller aus seiner selbstgewählten Isolation. Zuckerman hört sich die Geschichte des Professors an und findet schnell Gefallen an dem immer noch geistig regen und körperlich imposanten Siebziger. Das ist schon allein deshalb kein Wunder, da der Autor selbst alles andere als agil, sondern ein ebenso impotenter wie inkontinenter Mann ist, der das Köperliche sorgfältig aus seinem Leben verbannt hat. Silk, der in so vielem das genaue Gegenteil von ihm ist, imponiert Zuckerman und so werden die beiden zu Freunden.

Der Philologe verrät dem Autor ein Geheimnis: Er unterhält eine leidenschaftliche Affäre mit Faunia Farley, der 34-jährigen Putzfrau des Colleges. Dank Viagra erlebt Silk einen letzten erotischen Frühling, doch ist sein Glück nur von kurzer Dauer: In einem schlecht getarnten anonymen Brief gibt ihm seine immer noch aufgebrachte Nachfolgerin Roux zu verstehen, dass seine ehemalige Kollegenschaft wie auch der Rest des Ortes über die Affäre mit einer wehrlosen Analphabetin (Faunia ist in Wahrheit alles andere als das) Bescheid wisse.

Nach dieser Exposition kann die eigentliche, enorm handlungsdichte Tragödie beginnen: Meisterhaft konstruiert Roth eine Reihe von Lebensläufen, die sich immer dichter ineinander verstricken, bis es zur Katastrophe kommen muss. Da ist Faunia, ursprünglich aus gutem Haus, die vor dem Missbrauch durch den Stiefvater flieht, aber nur einen Vietnam-geschädigten Wahnsinnigen findet, der sie auch nach der Trennung nie in Ruhe lassen wird. Eben dieser Les, einst ein lebensfroher Jugendlicher, nach zwei Vietnam-Einsätzen ein Wrack voll posttraumatischer Belastungsstörungen, das keine Gefühle mehr hat und sich selbst in einem klaren Moment als lebenden Toten begreift. Und Delphine Roux, die Karrierefrau, die dem langen Schatten ihrer Mutter in die USA entflieht und trotz aller Erfolge das Leben einer unzufriedenen, weil einsamen Frau lebt - die sich obendrein heimlich nach ihrem Hassobjekt verzehrt.

Fast niemand ist das, was er auf den ersten Blick zu sein scheint. In zahlreichen inneren Monologen legen die Figuren ihre Masken ab und präsentieren sich als: "spooks" - Gespenster. Nicht zuletzt auch Silk: Aus Rückblenden in seine Jugend erfahren wir, dass es sich bei ihm tatsächlich um einen Schwarzen handelt. Jedoch um einen besonders hellhäutigen, der zum Wohl seiner Karriere beschließt, sich als Weißer und als Jude auszugeben. Er muss einen hohen Preis bezahlen und seine Familie verleugnen, doch er schafft es durch ausgeprägte Willenskraft und Konsequenz, sein Geheimnis selbst vor seiner Frau und den vier Kindern zu bewahren.

Dieser Hautfarbenwechsel als Identitätenwechsel ist keine Erfindung Roths. In den USA der dreißiger und vierziger Jahre gab es eine Reihe hellhäutiger Schwarzer, die ähnlich wie Silk verfuhren. Das bekannteste Beispiel dafür ist der Schriftsteller Anatole Broyard (1920-1990), der vierzig Jahre lang als Weißer lebte, um einer platten Kategorisierung als "schwarzer Autor" zu entgehen. Der US-Kritik zufolge soll er Roth zu der Figur Coleman Silk inspiriert haben. Diese befindet sich wie alle anderen Protagonisten von Der menschliche Makel auf jener oftmals verzweifelten Suche nach Glück, die schon Thomas Jefferson mit der Wendung "pursuit of happiness" als Grundsatz einer amerikanischen Existenz festschrieb. Die Chancen auf einen glücklichen Ausgang dieser Suche jedoch, sie sind auch in jenem Land, in dem sich jeder selbst erfinden kann, äußerst gering.

Silk und Faunia jedenfalls enden tragisch. Ausgerechnet von einem jener vietnamtraumatisierten lebenden Toten, die man in den USA am liebsten verleugnen würde, wird das aus der Gesellschaft verstoßene und dennoch (oder besser: deshalb?) glückliche Paar in den Tod getrieben. Der eifersüchtige Les bringt Silks Wagen mit seinem Pickup von der Straße ab. Endgültig zur Farce wird die Tragödie um den Professor bei seinem Begräbnis. Denn gerade jener schwarze Kollege, den Silk einst einstellte und der sich in der "Dunkle Gestalten"-Affäre trotzdem nicht auf seine Seite stellen wollte, hält eine ergreifende Rede zur Rehabilitation des tragischen Helden.

An Silks Grab wird Zuckerman auf eine schwarze Frau aufmerksam, die sich als die Schwester seines Freundes entpuppt. Sie erzählt dem Schriftsteller, was ihm der Professor über seine Herkunft verschwiegen hat - und so beginnt Zuckerman schließlich doch Coleman Silks Geschichte aufzuschreiben. Das Ergebnis hält der Leser in Händen.

Der menschliche Makel ist der kompletteste Roman über die Vereinigten Staaten seit Thomas Pynchons Mason & Dixon (1997). Roth erntet den Boden, den der große Unsichtbare unter den Romanciers mit seinem Werk über Nordamerikas Frühzeit - als um 1800 die Voraussetzungen für das heute bestehende Staatengebilde gesetzt wurden - säte. Scheinbar mit Leichtigkeit zeichnet er ein erstaunlich vollständiges Bild eben jener USA der Gegenwart, in denen die unbegrenzten Möglichkeiten längst stark beschnitten wurden. Noch einmal Roth im O-Ton: "Dieses Land gehörte den Einwanderern, und trotzdem ist es so, dass die meisten Lebenspläne nicht glücken (lacht). Ich würde sogar sagen: Kein Leben gelingt (lacht heftiger)."

Philip Roth, Der menschliche Makel. Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren. EURO 24,90/öS 342,63/400 Seiten. Hanser, München/Wien 2002.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23./24. 2. 2002)
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