Mehr Hunde, weniger Kinder

25. Februar 2002, 10:55
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Der Geburtenrückgang stellt Aufgaben, die nicht nur mit Geld zu lösen sind

Zuerst sollen sie nicht kommen, und dann wollen sie nicht kommen: die lieben Kleinen. Österreichs Frauen bekommen immer später Kinder, und eine steigende Zahl bleibt überhaupt - teils ungewollt - kinderlos. In Summe geht es mit der Geburtenrate (nicht nur in Österreich) stetig steiler bergab, und daran wird auch das Kindergeld kaum etwas ändern. 74.630 Neugeborene gab es voriges Jahr, statistisch gesehen bringen Österreicherinnen nur mehr 1,34 Kinder zur Welt: ein Trend, der die Gesellschaft dramatischer verändern wird, als es politische Maßnahmen vermögen.

Denn diese Entwicklung gefährdet Wohlstand und sozialen Frieden: Es wird weniger KonsumentInnen, aber auch weniger ArbeitnehmerInnen geben, die eine wachsende Last an Pensionszahlungen zu leisten haben.

Mangels Nachfrage sinkt der Wert von Gütern. Gleichzeitig wird die Mehrheit der WählerInnen zur Gruppe der PensionistInnen zählen - ohne sie ist schon jetzt keine Wahl mehr zu gewinnen. Der öffentliche Raum wird daher wohl noch mehr als jetzt für Alte und weniger für Kinder und Jugendliche nutzbar gemacht. Pensionsreformen sind politisch nicht mehr durchsetzbar. Eine steigende Zahl Älterer wird außerdem in Ermangelung eines individuellen sozialen Netzes auf öffentliche Dienstleistungen angewiesen sein. Und in den Wiener Parks werden noch mehr Hunde und noch weniger Kinder sein.

Dagegen ist die Politik relativ machtlos, weil es stimmt, was Sozialminister Herbert Haupt im STANDARD sagt: Kinderlosigkeit ist eine Folge von Wohlstand.

Dennoch gäbe es für die VolksvertreterInnen noch einiges zu tun. Denn die Vereinbarkeit von Beruf und Kindern ist längst nicht so rosig, wie es der Herr Frauenminister sieht: In der Wirtschaft ist Mobilität, Flexibilität und eine lückenlose Berufsbiografie angesagt - Kinder sind somit Karrierekiller Nummer eins, mittlerweile auch für Männer, die nicht nur Wochenendpapi sein wollen. Der damalige Familien- und jetzige Wirtschaftsminister hat vor vier Jahren begonnen, familienfreundliche Betriebe auszuzeichnen - ein Minischritt, aber immerhin.

Ja, und es stimmt auch, dass die öffentlichen Angebote zur Kinderbetreuung in den letzten Jahrzehnten stark ausgeweitet worden sind. Aber wie ist deren Qualität? Die sinkenden Kinderzahlen könnten endlich Anlass für eine Qualitätssteigerung in den Kindergärten sein, sprich: bessere Bezahlung für die Betreuer(innen), niedrigere Gruppenzahlen. In der Schule müsste - vor allem in innerstädtischen Räumen - eine Investitionsoffensive gestartet werden. Denn Ganztagsbetreuung bedeutet häufig nur, dass die Kinder nachmittags am Gang herumlungern, weil es an Aufenthaltsräumen mangelt.

Das Schulwesen braucht überhaupt dringend Reformen, damit Lehrer und Eltern nicht ständig anklagend mit dem Finger aufeinander zeigen, weil jeder das Gefühl hat, vom anderen im Regen stehen gelassen zu werden.

Manchmal jedoch hilft das alles nicht, weil es mit der "natürlichsten Sache" der Welt nicht klappen will. Immer mehr Paare bleiben ungewollt kinderlos. Sind's die Pestizide, der Stress, sinkende Fruchtbarkeit der Männer, der Trend zur späten Mutterschaft? Wenn gar nichts mehr hilft, wird von der Fortpflanzungsmedizin erwartet, dass sie ausgleicht, was in unserer veränderten Umwelt nicht mehr natürlich klappen will.

Derzeit bekommen Österreicherinnen durchschnittlich mit 27 Jahren ihr erstes Kind, vor zehn Jahren lag dieser Wert bei 25 Jahren. Das ist logisch: Frauen haben bildungsmäßig aufgeholt, alle wollen Karriere machen und die unbegrenzten Möglichkeiten der Spaßgesellschaft nutzen. Und wenn das alles ausgelotet und langweilig geworden ist, ist es manchmal zu spät für Nachwuchs.

Wie eine kinderfreundliche Gesellschaft unter diesen Umständen aussehen muss, lässt sich eben nicht bloß über ein Kindergeld definieren. DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 23./24.2.2002

von Martina Salomon
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