Hat noch jemand Lust zu arbeiten?

25. Februar 2002, 17:45
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Wir stehen am Beginn eines revolutionären Wandels in Sachen Arbeit. Die Menschen können nur davon profitieren, wenn sie sich in den Veränderungsprozess einmischen und ihn aktiv mitgestalten.

Der Intellektuelle ist davon überzeugt, intelligent zu sein, weil er sich seines Kopfes bedient. Der Maurer bedient sich seiner Hände, aber auch er hat einen Kopf, der ihm sagen kann: "Hey, diese Mauer ist nicht gerade, und außerdem hast du vergessen, Mörtel zwischen die Steine zu geben."

Arbeit und Verstand

Nun geht es hin und her zwischen Arbeit und Verstand. Der französische Schriftsteller Martin Page hat auf diese wunderbare Wechselwirkung jüngst hingewiesen. Wir wollen die spannende These, ob man überhaupt noch ganz bei Verstand ist, wenn man arbeitet, weiterverfolgen und fragen: Lohnt es sich, überhaupt noch zu arbeiten? Zwei Kardinalfragen, die quer über den Erdball ganz unterschiedlich beantwortet werden.

Zwar behält beispielsweise der Japaner mit Eintritt in seine Firma noch den Verstand, seine Arbeitskraft indes hat er lebenslänglich Toyota oder Kawasaki verschrieben.

Der Künstler Peter Michael Adams wiederum lebt in Tasmanien in einem ausrangierten Bus an einer einsamen Bucht abseits jeder Zivilisation. Jeden Morgen steht er, wenn er Lust hat, zeitig auf und schnitzt Sitzbänke, die er via Internet weltweit verkauft. Laut eigener Aussage hat er noch nie das Gefühl gehabt, zu arbeiten.

...und in Europa?

Der Japaner als Spätcalvinist oder der Tasmanier als Späthippie? Und was sagen die Europäer? Ein Blick in die Geschichte der Arbeit hilft ein Stück weiter. Womit wir mitten in der Petersilie stehen: Die einen arbeiten wie verrückt, die anderen voller Lust. Und wieder andere verrückt und voller Lust. Wer nun hat den besseren Job?

Im europäischen Industriezeitalter und seinen heutigen Restausläufern war die Frage der Lebens- und Arbeitsqualität völlig untergeordnet. Die Frühform des AOL-Werbezitats "Ich bin drin" bedeutete damals zwar Arbeit und Auskommen, indes auch Frondienst, will sagen: möglichst ein Leben lang im Dienste einer einzigen Firma zu schuften (ein Vorläufer der japanischen Variante).

Im dunklen Bergwerk hämmerte der Steiger, bis der Rücken krumm war. Über Tage zogen kapitalistische Unternehmer daraus Profit. Der Rücken der Kapitalisten krümmte sich zwar auch, allerdings meist in Folge des wachsenden Bauches.


Zweierlei Kohle

Diese Dichotomie zwischen ehrlicher Arbeit mit den Händen und profitabler Arbeit mit dem Kopf durchzog den Kapitalismus zwei Jahrhunderte hindurch bis zum Ende des Industriezeitalters. Der Kern jeder Form von Arbeit galt bald als entfremdet von der eigentlichen Bestimmung des Menschen, als Freie, Gleiche und Brüder miteinander im Einvernehmen zu leben, zu kooperieren, netzzuwerken und sich gegenseitig zu helfen.

Es kam, wie es kommen musste. Unter den Entfremdungsbedingungen wollte irgendwann keiner mehr so richtig gerne arbeiten. Geopolitisch bedingt entwickelten sich daher ganz unterschiedliche Anpassungsstrategien. Im Osten wurde der sozialistische Arbeiterstaat aus der Taufe gehoben. Im Westen begann der Sozialstaat, das Übel des Kapitalismus zu mindern oder gar abzuschaffen. Was aber hüben wie drüben eine Menge Geld verschlang.

Noch dazu riefen Ende des letzten Jahrhunderts die ersten Mäkler das Ende der Arbeit aus. Überall begannen Arbeiter und Kapitalisten noch mehr nachzudenken, ihre Profite besser zu organisieren. Die Dematerialisierung und Digitalisierung der Wirtschaft machte aus physischen Atomen plötzlich digitale Bits, physische Leistungen und Produkte wanderten in virtuelle Räume ab.

Über das Internet wurden die Räumlichkeiten miteinander vernetzt. Immer und überall. Bald bemerkten die betroffenen Akteure auf recht unterschiedliche Weise, dass weniger arbeiten und mehr leisten ganz einfach schien.

Lockruf des Wohlstands

Die Kapitalisten gingen wie üblich vor, ließen andere nachdenken und rationalisierten mit neuen Technologien und Effizienzhuberei die Arbeitsplätze weg. Die Arbeiter gingen ebenfalls wie üblich vor, wollten weniger arbeiten, aber sich mehr leisten können. Der Lockruf des Wohlstands überwindet jede Grenze. - Was aber nun? Wenig arbeiten, viel Geld verdienen, im Luxus baden. Doch wer soll's richten?

Bob Dylan, ein unverdächtiger Zeitgenosse, deutet einen Ausweg aus dem Dilemma an: "Ein Mensch hat Erfolg, wenn er morgens aufsteht und abends zu Bett geht und in der Zwischenzeit genau das tut, was er tun will." Damit hat er den Rahmen für künftige Arbeitswelten abgesteckt. Menschen können und sollen sich frei entfalten dürfen. Die Vorzeichen stehen nicht schlecht. (Der Standard, Print-Ausgabe, Peter Felixberger)

Peter Felixberger ist Publizist und Geschäftsführer des Onlinemagazins changeX.

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