Glückloser Sharon

22. Februar 2002, 19:53
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Von Gudrun Harrer

Umfragen zeigen, dass Ariel Sharon ein Jahr nach seiner Wahl zum israelischen Premier den Zenith seiner Beliebtheit überschritten hat; die billige Erkenntnis, dass seine Politik den tief verzweifelten Landsleuten keine Sicherheit bringt, scheint sich auszubreiten. Seine Rede von Donnerstagabend wurde weitgehend als Eingeständnis der Hilflosigkeit empfunden, Durchhalteparolen und Seitenhiebe gegen die Netanyahu-Fraktion in der eigenen Partei, Lob für die Armee, die er zuletzt kritisierte, Absage an eine militärische Eskalation und Bekenntnis zum Dialog mit den Palästinensern bei gleichzeitigem Beharren auf der Beendigung jeglicher Gewalt vor einer echten Gesprächsaufnahme.

Auch mit seinen "Pufferzonen" hat Sharon wenig Glück beim Publikum: Für die Linke sind sie sinnlos, solange sie nicht mit einem Rückzug auch von der anderen Seite, sprich den Siedlungen, einhergehen, für die Rechten bedrohlich, weil sie die Siedler von Israel abtrennen und ihr Verlauf eine - für sie nicht akzeptable - Grenze eines zukünftigen Palästinenserstaates vorwegnimmt. Und für die Palästinenser selbst werden sie einmal mehr hassgenerierende Enteignungen, Abbruch von Häusern, Zerstörung von landwirtschaftlichen Flächen bedeuten, denn dass Sharon vorhat, die Zonen, die teilweise bis zu drei Kilometer breit sein sollen, auf israelischem Gebiet zu errichten, ist wohl nicht zu erwarten.

Am fatalsten ist aber wohl, dass die Idee an die in mehr als einer Hinsicht katastrophale Erfahrung mit der "Sicherheitszone" im Südlibanon erinnert: Nach eineinhalb Jahrzehnten verlustreichem Kleinkrieg mit der Hisbollah wurde sie vor dem israelischen Abzug im Frühjahr 2000 als das "Vietnam Israels" bezeichnet. Und ebendieser Abzug wurde von vielen Palästinensern zum großen Sieg gegen Israel hochstilisiert, ein Präzedenzfall, der später die Intifada anfeuerte. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 23./24.2.2002)

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