"Gott, hilf dem Biest in mir!"

22. Februar 2002, 20:58
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Johnny Cash, der größte Countrysänger der Geschichte, wird 70 - Eine ausführliche Würdigung des "Man in Black"

Foto: American
Johnny Cash mit einer Botschaft - näher erklärt weiter unten
Im "Folsom Prison Blues" erschoss Johnny Cash einst "einen Mann in Reno, nur um ihn sterben zu sehen". Er wurde damit zum größten Countrysänger der Geschichte. Nach einer wilden Drogenkarriere, geschätzten 1500 veröffentlichten Liedern und schweren Krankheiten feiert der "Man in black" am 26. 2. seinen 70. Geburtstag.

Von Christian Schachinger


Wien - Als John R. Cash am 4. 10. 1965 auf dem Flughafen von El Paso mit 688 Dexadrin-und 475 Equanil-Tabletten verhaftet wurde und er wieder einmal eine Nacht im Gefängnis verbringen musste, leitete dies ein gewisses Umdenken bei Amerikas damals beliebtestem Countrysänger ein.

Trotz mehrerer - auch durch eine äußerst schmerzhafte Kieferinfektion bedingter - Rückfälle (man erinnere sich nur an seinen bizarren Auftritt 1992 bei der Peter-Alexander-Show), suchte er fortan sein Heil mehr im auch von seiner zweiten Ehefrau June Carter Cash geförderten christlichen Glauben.

June schrieb ihm übrigens nach seinen Anfängen mit Elvis oder Jerry Lee Lewis in den Sun-Studios von Memphis damals auch seinen bis heute größten Hit auf den Leib, den sich nach Erlösung verzehrenden Ring Of Fire.

Die Drogen hatten ihm zuvor nicht nur ein gutes Jahrzehnt geholfen, die "Schmerzen und Schuldgefühle" fern von der Familie zu vertreiben, und wohl auch so manche Zeit im damals nur selten stoppenden Tourneebus.

Johnny Cash erfand davon "inspiriert" schließlich jenen Rock'n'Roll-Lebensstil mit, der bald darauf perfektioniert werden sollte: "Abgesehen davon, dass ich in sieben Jahren jedes meiner Autos zu Schrott fuhr, machte ich zwei Jeeps, ein Wohnmobil, zwei Traktoren und einen Bulldozer kaputt, versenkte zwei Boote und sprang von einem Truck, kurz bevor er ein 200 Meter hohes Kliff hinunterstürzte. Gott hat seine Hand nie von mir genommen."

"Dunkel und tief"

Allerdings: "Ich bin nicht glücklich damit, dass die Art von Hotelvandalismus, der ich den Weg bereitet habe, für viele Leute heute eine Art Totem darstellt, eine harmlose und sogar bewundernswerte Mischung aus jugendlichem Übermut und Missachtung von Konventionen. Für mich war es damals etwas völlig anderes. Es war dunkler und tiefer. Es war Gewalt."

Es sind Geschichten wie diese, die Johnny Cash auch heute noch zu einem Idol für eine niemals aussterbende Gattung von Rock'n'Roll-Liebhabern macht, die eher die lichtabgewandte Seite der Jugendrevolte bevorzugt.

Der Sohn von armen Baumwollfarmern aus Arkansas feiert am Dienstag trotz schwerer neuer Krankheit, einer tückischen Sonderform von Parkinson, das Wunder seines 70. Geburtstages. Er wird dieser Tage nicht nur mit der Wiederveröffentlichung von legendären Alben wie At Folsom Prison und At San Quentin und patriotischen Verirrungen wie America und Ragged Old Flag geehrt.

Foto: American Nachdem er 1997 für Unchained Melody einen Grammy für das beste Country- Album des Jahres erhalten hat, bedankt sich Johnny Cash im US-Branchenblatt Billboard Magazine mit einer ganzseitigen Anzeige für die jahrelang fehlende Untersützung seitens der Nashville-Szene. Das Foto stammt aus dem Jahr 1969 und zeigt ihn bei seinem berühmten Konzert im Gefängnis San Quentin

Autor Franz Dobler hat Geschichten wie die oben beschriebenen nun auch in der biografischen Annäherung The Beast In Me - Johnny Cash und die seltsame und schöne Welt der Countrymusik zusammengefasst (Verlag Antje Kunstmann, München).

Allerdings wird hier eine oft etwas blauäugig betriebene Heldenverehrung, die bei aller Liebe zur Musik von Johnny Cash seine mitunter recht fragwürdigen christlichen und patriotischen Ansichten über Gebühr ausspart, durchaus auch in einen breiteren Kontext gestellt.

Davon zeugt nicht nur eine ausführliche und gehässige "Würdigung" der heutigen Countryszene. Anhand der Schwierigkeiten Cashs, nach einer Zeit in der Versenkung und einigen katastrophalen Studioalben ab 1994 wieder mit der Trilogie American Recordings Fuß zu fassen, entwirft Dobler auch das Sittenbild eines bigotten Genres.

Zwischen Gottesfürchtigkeit und Hurrapatriotismus wird im Country gerade auch von Cash ein zerrissenes Image präsentiert, das in seiner Kunst vieles ermöglicht. So stellte sich Cash schon in den 60er-Jahren auf die Seite von ethnischen Minderheiten wie den Indianern und behauptete wegen Morddrohungen des Ku-Klux-Klan dann auch in einem Schritt nach vorn, selbst ein "Halbblut" zu sein. Im Übrigen forderte er, die feigen weißen Kapuzenträger gehörten mit der Bullenpeitsche behandelt.

Andererseits spielte er als Vietnamkriegsgegner 1971 für die Truppen in Saigon ("'Til things are brighter, I'm the man in black"), um dann als glühender Patriot für Richard Nixon im Weißen Haus zur Zeit von Watergate zu singen. Er setzte sich für den Golfkrieg ebenso ein, wie er trotz aller Konzerte in Gefängnissen ("San Quentin, may you rot and burn in hell!") und über die Jahrzehnte veröffentlichter Mörderballaden wie Delia's Gone oder 25 Minutes To Go wahlweise immer auch für oder gegen die Todesstrafe eingetreten ist.

Wobei der aktuelle Stand dahingehend interpretiert werden muss, dass er 2000 auf seinem letzten Album, Solitary Man, Nick Caves Ballade vom elektrischen Stuhl, The Mercy Seat, gegen den damaligen Gouverneur von Texas, George W. Bush, in Stellung brachte.

Für Johnny Cash gilt nach wie vor jener Song, den ihm einst sein Freund Kris Kristofferson in den frühen 70er-Jahren widmete: "Er ist ein wandelnder Widerspruch, zur Hälfte wahr, zur Hälfte erfunden." Oder wie es Cash auf den Punkt bringt: "God, help the beast in me!"
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23./24. 2. 2002)

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