Diplomatische E(U)-Mail-Affäre

22. Februar 2002, 19:29
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Vertraulichkeit im Internetzeitalter leicht gefährdet

Ankara - Früher reisten vertrauliche Depeschen per Diplomatengepäck. Heutzutage berichten Gesandte ihrer Zentrale auch per E-Mail. Für die ohnehin angespannten Beziehungen zwischen der Türkei und der Europäischen Union haben sich solche modernen Kommunikationsmethoden als riskant erwiesen. Denn seit mysteriöse Hacker geheime E-Mails der EU-Vertretung in Ankara knackten, jagt eine Verschwörungstheorie die nächste.

Begonnen hat die abenteuerliche Geschichte am 8. Februar - kurz vor einem Treffen zwischen Vertretern der Islamischen Konferenz und der EU, die sich in Istanbul mit dem Thema der interkulturellen Verständigung befassten. Initiiert wurde sie von Dogu Perincek, den Chef der sich maoistisch nennenden Splitterpartei IP.

Vertrauliche Depeschen

Der politische Außenseiter verkündete, er sei im Besitz Hunderter vertraulicher Depeschen der EU-Vertreterin in Ankara, Karen Fogg. Kurz darauf veröffentlichte er die E-Mails in der Parteizeitung Aydinlik und verteilte sie großzügig im Land. In den Mails ging es unter anderem um Geld der EU für eine kurdischsprachige Zeitung, die politischen Reformen in der Türkei, der Beziehungen zu Europa und zur Zypern-Frage.

Im Zentrum der rasch entbrannten politischen Debatte um die Mails steht die Frage, wer sie an den dubiosen Maoisten weitergeleitet hat. Der türkische Geheimdienst MIT? Die Armee? Andere vermuten als Drahtzieher Kräfte in den "Tiefen des Staates" - okkulte Machtstränge innerhalb des Staatsapparats, die mit den dunkelsten Affären des Landes in Zusammenhang gebracht werden.

Athmosphäre vergiftet

Die Affäre hat jedenfalls die ohnehin schwierigen Beziehungen zwischen EU und Türkei zusätzlich vergiftet. Die Europäische Kommission zitierte den türkischen Botschafter in Brüssel zu sich und soll dabei verlangt haben, dass die Türkei die Verbreitung der E-Mails unterbinden müsse. Notfalls werde die EU "selbst alle notwendigen Maßnahmen ergreifen, um die Sicherheit ihrer Delegation in Ankara zu gewährleisten". (AFP, DER STANDARD, Printausgabe 23.2.2002)

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