"Wir leben über unsere Verhältnisse"

22. Februar 2002, 19:25
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US-Trendforscher John Naisbitt provozierte Landwirtschaftsminister Wilhelm Molterer mit Anti-Kyoto- und Anti-Biolandbau-Thesen

Wien - Allen gebetsmühlenartigen Beteuerungen aus Wirtschaft und Politik zum Trotz: "Österreich hat seine Nachhaltigkeitsaufgaben noch zu erledigen", sagte WWF-Präsident Helmuth Pechlaner auf dem Symposium "Voraus Schauen - Zukunft Bauen" in der Hofburg, das der Vorbereitung auf den Johannesburger UN-Weltgipfel Ende August/ Anfang September diente.

Der neuen heimischen Nachhaltigkeitsstrategie fehlten Zeitplan, Budgets und klare Zuständigkeiten. Das Regierungsziel, die öffentlichen Entwicklungshilfeausgaben bis 2003 von 0,23 auf 0,32 Prozent des Bruttoinlandsproduktes anzuheben, werten nicht nur die Grünen als Lippenbekenntnis. Und für den eigenen Ressourcenverbrauch benötige Österreich weiterhin 2,8-mal die eigene Landfläche, so Pechlaner. Selbst Kanzler Wolfgang Schüssel, der beim Thema Nachhaltigkeit in erster Linie an Verkehrslawinen und die Pensionsproblematik denkt, gestand in seiner Eröffnungsrede ein: "Wir leben über unsere Verhältnisse."

John Naisbitt, US-Trendforscher und "Stargast" in der Hofburg, provozierte nicht zuletzt Landwirtschaftsminister Wilhelm Molterer mit Anti-Kyoto- und Anti-Biolandbau-Thesen. Naisbitt, der im Öko-Optimismus einen erfolgversprechenden Selbstvermarktungstrend entdeckt zu haben scheint, bezweifelte Studien zum Ressourcenraubbau oder stellte Zahlen zum Artensterben als "völlig übertrieben" in Abrede. Am wenigsten nachhaltig aber sei eine österreichische oder EU-Politik, die sich keine Gedanken über die zu niedrigen Geburtenraten mache. Dennoch brach Naisbitt beim Gedanken an die unsichere Zukunft seiner eigenen zehn Enkelkinder am Schluss des Vortrages in Tränen aus und hinterließ ein ratloses Auditorium.

Molterer konterte und bezeichnete Klimawandel und Klimaschutz einmal mehr als "zentrale Herausforderungen". Nachhaltiges Wirtschaften sieht Molterer, der für "fairen Handel" mit Entwicklungsländern eintritt, als "Antwort" auf und "Rahmen" für die Globalisierung. (miba, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. 2. 2002)

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