Über die fehlende Demut in der weiten Welt

22. Februar 2002, 20:45
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Peter Schröcksnadel zur Lage der österreichischen Ski-Nation, deren Präsident er ist. Der Chef des ÖSV freut sich und relativiert und ist überzeugt, dass die Skispringer bald wieder Aufwind bekommen werden

Standard: Herr Schröcksnadel, oft und viel ist über den Medaillenspiegel geredet worden. Sie selbst haben angeregt, ihn nicht mehr so darzustellen wie gehabt, nicht wahr?
Peter Schröcksnadel: Der amerikanische Medaillenspiegel ist vergleichsweise wirklich okay, da zählt einfach jede Medaille gleich, egal, welche Farbe sie hat. Da sind wir weiter vorn. Gut, jetzt haben wir die Australier auch nach Goldmedaillen eingeholt, aber unser Problem ist halt, dass wir einige Sportarten überhaupt nicht besetzt haben. Vor langer Zeit waren wir zum Beispiel im Eiskunstlaufen super, vor noch nicht so langer Zeit haben wir auch im Bobfahren und im Eisschnelllaufen Medaillen geholt. Jetzt steht und fällt alles mit den Skifahrern.

STANDARD: Wobei die alpinen Herren den Damen momentan überlegen sind . . .
Schröcksnadel: Das war früher anders, und das wird sich auch wieder ändern. Es stimmt, bei den Herren haben wir sechs von zwölf Medaillen geholt bis jetzt, davon zwei in Gold, im Alpinbereich ist keine andere Nation annähernd so stark. Diese Erfolge sind wichtig für uns, der Skisport ist unser Kapital, Erfolge bedeuten Werbung, Erfolge tun dem Tourismus gut.

STANDARD: Haben auch Sie den Eindruck, dass sich bei dritten Plätzen bereits die Freude der Öffentlichkeit sehr in Grenzen hält? Dass nur noch Goldmedaillen und Siege zählen?
Schröcksnadel: Oft fehlt die Demut. Mit Bronze muss man immer zufrieden sein, der dritte Platz ist eine Superleistung. Gut, ich kann sagen, ein vierter Platz bei Olympischen Spielen ist wirklich nicht viel wert, aber über Bronze hat man sich zu freuen. Wir sind nicht allein auf der Welt. Schauen wir uns die Schweizer an - die sind leer ausgegangen, und hätten sie nicht den Simon Ammann, dann wären sie ganz arm. Der Didier Cuche war heuer immer ganz vorne dabei, hier ist er leer ausgegangen. So kann's auch laufen, das muss man sich immer vor Augen halten.

STANDARD: Wie beurteilen Sie die ÖSV-Entwicklung im nordischen Bereich, speziell den Absturz der Skispringer?
Schröcksnadel: Zunächst einmal sind wir mit den Langläufern und Biathleten sehr zufrieden. Dass die Biathlon-Staffel keine Medaille gemacht hat, daran waren die Ski schuld, da wird sich einiges ändern, wir werden investieren. Die Skispringer haben Probleme, das wissen wir, das hat sich auch abgezeichnet. Du kannst halt nicht immer in allen Sparten top sein.

STANDARD: Toni Innauer hat in dieser Saison den Sportdirektor und Trainer in Personalunion gegeben, aber bereits angekündigt, dass er als Trainer mit Saisonende aufhören will. Wie stehen Sie dazu?
Schröcksnadel: Der Toni hat bei mir alle Rechte. Man darf nie vergessen, er hat sich das deshalb alles aufgeladen, weil uns das nach dem tragischen Tod von Alois Lipburger als die beste Variante erschienen ist. Aber es war klar, dass es sich um eine Übergangslösung handelt. Es ist wie in einer Fabrik - du sitzt eben nicht mehr mit totalem Einsatz an der Drehbank, wenn du schon zum Produktionsleiter aufgestiegen bist. Als Produktionsleiter ist der Toni für uns unverzichtbar. Über alles andere reden wir, wenn die Saison vorbei ist. (fri)

(DER STANDARD, PRINTAUSGABE 23./24.2. 2002)
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