Dem Alterskrebs auf der Spur

23. Februar 2002, 15:22
posten

Je älter Zellen werden, desto instabiler werden die Chromosomen

Bonn - Die Zahl der Krebserkrankungen wird nach Schätzung von Experten bis zum Jahr 2030 um 50 Prozent zunehmen. Hauptgrund ist der steigende Anteil älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung. Bei den Senioren ist das Krebsrisiko zehn Mal höher als bei den unter 65 Jahre alten Menschen.

Bei bestimmten Tumoren - etwa der Prostata, des Darms, der Lunge, der Bauchspeicheldrüse, des Magens und der Blase - beträgt der Anteil der älteren Patienten sogar 60 bis 80 Prozent. Mit den Ursachen des so genannten Alterskrebses wollen sich jetzt Wissenschafter der Medizinischen Hochschule Hannover beschäftigen.

Chromosomenuntersuchungen

Vor allem wollen sie untersuchen, ob möglicherweise die Eiweißhüllen an den Enden von Chromosomen, die so genannten Telomere, eine wichtige Rolle spielen. Sollte sich diese These bestätigen, könnten sich ganz neue Therapiemöglichkeiten eröffnen, berichtet die Deutsche Krebshilfe.

Telomere

Die Telomere bewahren nach Angaben der Experten ähnlich wie die Plastikhülsen an den Enden eines Schnürsenkels die Enden eines Chromosoms vor Schäden. In den meisten Körperzellen führten diese Hüllen quasi Buch, wie häufig eine Zelle sich vermehre. Bei den meisten Zellen sei nach 40 bis 60 Teilungen Schluss, da sich mit jeder Runde die Telomere um ein kleines Stück verkürzten. Seien sie auf eine kritische Länge geschrumpft, höre das Zellwachstum auf. Bei extrem kurzen Telomeren ende der Vorgang für die Zelle oftmals tödlich.

Je älter Zellen werden, desto instabiler werden die Chromosomen

Mit dieser so genannten Zellalterung geht den Medizinern zufolge auch die natürliche Regulierung der Lebenszeit einher: Je älter die Zellen werden, desto älter wird auch der Mensch. Doch je älter die Zellen werden, desto instabiler werden auch die Chromosomen: Die DNA-Träger zerbrechen oder verschmelzen miteinander, und die Zellen können entarten. Die Wissenschafter vermuten nun, dass das dadurch entstehende genetische Chaos die Initialzündung für die Entwicklung eines Tumors sein könnte. Daher wollen die Forscher nun prüfen, ob die verkürzten Telomere das Risiko erhöhen, an Krebs zu erkranken.

Sollte sich die Instabilitäts-Theorie bestätigen, wollen die Mediziner einen neuen Therapieansatz unter die Lupe nehmen: "Wir wollen versuchen, mit dem Eiweiß Telomerase die Stabilität der Chromosomen zu erhalten", berichtet der Hannoveraner Wissenschafter Karl Rudolph. Das Enzym ergänze die verkürzten Telomere nach jeder Zellteilung. Telomerase sei in Keimbahnzellen und Stammzellen aktiv, die sich ein Leben lang unbegrenzt teilen könnten. In allen anderen gesunden Körperzellen sei das Enzym inaktiv.

Gentherapie

Allerdings ist eine solche Gentherapie nicht ungefährlich: Denn wenn die behandelten Zellen bereits bösartig verändert seien, könne die Telomerase die unbegrenzte Vervielfältigung der Krebszellen ankurbeln, warnen die Experten. Und tatsächlich sei das Enzym in 80 Prozent aller menschlichen Tumorzellen aktiv. Rudolph will mit seinem Team nun sowohl den Nutzen als auch die Gefahr einer Telomerase-Therapie untersuchen.(APA)

Share if you care.