Handke-Interview war Zeitungsente

22. Februar 2002, 20:00
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Ein "Interview" über Milosevic als "Missverständnis"

Den Haag - Vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag hält seit Tagen Slobodan Milosevic, der das Gericht nicht anerkennt und deshalb konsequent auch einen Verteidiger ablehnte, sein Plädoyer in eigener Sache. Überdies kann er, als Advocatus sui, Zeugen der Anklage selbst befragen. Eine für viele Opfer seiner Politik, die in Den Haag als Zeugen auftreten, höchst traumatische Situation. Eine, die Medien eigentlich interessieren müsste. Doch der Prozess ist nicht das Hauptthema und in Nachrichtensendungen meist nur in Kurzausschnitten präsent. Unter den Zuhörern im Gerichtssaal sitzt aber einer, der ebendiese ausschnittweise Wahrnehmung immer kritisierte: Peter Handke.

Die Süddeutsche Zeitung, in der 1996 und 1999 Handkes heftig befehdeten Serbien-Texte erschienen sind, hat ihn als Prozessbeobachter entsandt. Der ehemalige Jusstudent blieb dort freilich nicht unerkannt und wurde medial jetzt in eine fiktive Person verwandelt:

Eine Journalistin der Berliner Zeitung junge Welt behauptete, mit Peter Handke ein Interview geführt zu haben. Die Zeitung druckte es am Donnerstag. Die angeblichen Dichter-Aussagen ("Das Plädoyer ist bemerkenswert, Milosevic ist wundervoll") stellten sich jedoch als Zeitungsente heraus: Peter Handke dementierte und hielt fest, kein Interview gegeben zu haben ("solche Sätze würde weder der fiktive noch der echte Peter Handke sagen"). Die junge Welt räumte auf der Titelseite ihrer Freitagsausgabe das "Missverständnis" ein. Inzwischen haben die fiktiven Aussagen aber viele reale Reaktionen hervorgerufen. Besonnenere sollten auf Peter Handkes Text warten, der in der SZ erscheinen wird.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23./24. 2. 2002)

Von
Richard Reichensperger

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