Falsch verstandene Tierliebe

22. Februar 2002, 14:20
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Obfrau des "Turtles Rescue Center" wegen Tierquälerei verurteilt

Wien - Falsch verstandene Tierliebe brachte die Obfrau des seit 1995 in Wien bestehenden "Turtles Rescue Center" auf die Anklagebank im Straflandesgericht. Die 41-Jährige kennt offensichtlich eine einzige Lebensaufgabe: "Ich wollte Schildkröten pflegen, die in Küchen und Kinderzimmern gehalten wurden und davon Langzeitschäden hatten." Besser erging es den Tieren bei ihr aber auch nicht. Im Gegenteil: Einzelrichter Wolfrid Kirschner verurteilte die Frau wegen Tierquälerei rechtskräftig zu zwei Monaten bedingter Haft.

Betreuung für verwaiste Schildkröten

Die 41-Jährige beschäftigt sich nach eigenen Angaben seit 29 Jahren eingehend mit Schildkröten. Um ihr Wissen zu vertiefen, besuchte sie einschlägige Vorlesungen an der Universität und fachspezifische Symposien. Auch Kontakte zu mehreren Tierärzten baute sie auf. Schließlich gründete sie ihren Verein, übernahm kranke und verwaiste Schildkröten, und man konnte solche während der Urlaubszeit auch bei ihr zur vorübergehenden Betreuung abgeben.

Hunde, Mäuse 100 Vögelund 46 Wasserschildkröten

Auf die Frage nach allfälligen Sorgepflichten antwortete die 41-Jährige wie aus der Pistole geschossen: "Nur für die Tiere!" "Also keine", bemerkte der Richter. Denn was Polizeibeamte Ende Oktober 2001 bei einer Hausdurchsuchung entdeckten, hatte mit Tierliebe wenig zu tun. In ihrer mit Müll und Unrat voll gestopften Wohnung beherbergte die "Tierschützerin" nicht nur drei Hunde, Mäuse und über 100 Vögel. So tummelten sich in einer einzigen Badewanne gezählte 46 Wasserschildkröten.

Keine optimalen Bedingungen

Zudem wurden die Tiere im Dunkeln und bei alles andere als optimalen Temperaturen gehalten. Das Wasser, mit dem sie vorlieb nehmen mussten, bezeichnete der als Sachverständiger beigezogene Veterinär Heinz Burger wörtlich als "Bakterien- und Pilzsuppe". Er rügte den "enormen Gruppen- und Infektionsdruck durch den Überbelag" und meinte: "Das sollte man Tieren im 21. Jahrhundert nicht mehr zumuten, dass sie im Waschtrog gestapelt werden."

"vorübergehende Notlösung"

Es habe sich um eine "vorübergehende Notlösung" gehandelt, betonte die Beschuldigte. Sie habe damals kein anderes Quartier auftreiben können. Außerdem habe sie als Notstandshilfe-Bezieherin kaum über finanzielle Mittel verfügt: "Ich selbst hab' nur Erdäpfelpüree und Nudeln gegessen." Ihre "Babys" habe sie nie schlecht behandeln wollen: "Ich hab' mich bemüht, ich hab' davon Weinkrämpfe gekriegt."

Trotz der offensichtlichen Missstände hatte die Gemeinde Wien ihren Antrag auf Zuerkennung als "Schutzzentrum" interessanterweise positiv erledigt, was nun den Richter erstaunte: "Nachschau hat es da wohl keine gegeben."

Die Schildkröten - insgesamt hatte man über 200 Exemplare beschlagnahmt - sind derzeit bei verschiedenen Institutionen untergebracht. (APA)

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