"Unsere Männer haben kein Monopol auf Chauvinismus"

25. Februar 2002, 09:08
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Das Priesteramt würde ihnen das Frauen naturgegebene "Dienen" lernen - Teil III

Selbst Roses Tränen verwandeln sich in Gelächter, als wir das Image des patriarchischen Mormonen-Mannes sezieren. Alle wollen sich zu diesem Thema äußern. Die rotschöpfige Maridin nimmt kein Blatt vor den Mund. "Mein Mann ist katholisch, und er ist genauso chauvinistisch wie der Durchschnittsmann! Das hat nichts mit Religion zu tun. Männer wollen Kontrolle haben, das ist eine alte Geschichte. Die Mormonen haben kein Monopol darauf." Der blinde Gehorsam der Mormonen-Frau sei ein Mythos, versichert die Runde. "Es sind die Frauen, die hier die Verantwortung tragen. Wir sind es doch, die alles am Leben erhalten".

Aber die Priesterschaft, die allein den Männern vorbehalten ist? Jeder erwachsene LDS-Mann, selbst die jungen Missionare, sind Priester; nicht aber ihre weiblichen Kolleginnen. Wie sie das empfunden habe, frage ich Tara, die vor kurzem von ihrer 18-monatigen Missionszeit zurückgekehrt ist.

"Ich fand es fein, zuschauen zu können, wie die jungen Männer als Priester handeln, zum Beispiel jemanden segnen. Aber ich wünsche mir das nicht für mich selbst. Die Entscheidungen, die sie machen müssen, und womit sie sich auseinandersetzen müssen ... wir haben einfach andere Rollen. Wir haben genauso viel Verantwortung als zukünftige Mütter."

Das Wort der Weisheit

Deanne, die als Seminarlehrerin LDS Doktrin lehrt, hört den anderen Frauen aufmerksam zu und erläutert am Ende jeweils die offizielle Position der Kirchenlehre. "Richtig verstanden, der Doktrin nach, besitzen die Frauen die Priesterschaft. Wenn sie heiraten, treten sie in den Orden der Priester ein, zusammen mit dem Ehemann. Frauen können alles tun, was ein Mann kann: sie können die Kranken segnen, ihre Kinder segnen. Die Außenwelt, selbst viele Männer innerhalb der Kirche glauben, die Priesterschaft bedeute Macht. Aber die Lehre sagt aus, diese Macht sei nur dann echt, wenn sie gerecht ausgeübt wird. Mann und Frau gemeinsam ist der einzige Weg zu einer vollständigen Gottheit." Deanne spricht ruhig aber bestimmt. Ihre Zuhörerinnen hängen an jedem Wort.

"Die meisten werden sich darin einig sein, dass Frauen von Natur aus dienen können" fährt sie weiter. "Sie sind warmherziger, empfindsamer, zarter. Das will nicht heissen, dass Männer diese Eigenschaften nicht haben. Ich sehe die Priesterschaft als eine Chance für Männer, das zu werden, was sie von Natur aus nicht sind - besser zu werden als ihr niedrigster gemeinsamer Nenner. Wir sehen das nicht als Macht. Wir schmunzeln im Stillen und sagen, schau doch, sie lernen, wie man dient!" Die anderen Frauen lachen zustimmend.

Nach einer Pause fasst sich eine unter ihnen Mut und will eine persönliche Episode erzählen. Sie bittet mich, ihren Namen in diesem Zusammenhang nicht zu veröffentlichen. "Mein Mann hatte vor acht Jahren eine Affäre. Er wurde exkommuniziert. Als mein Sohn hätte getauft werden sollen, war sein Vater dazu nicht in der Lage. [Als Priester taufen LDS-Väter ihre Kinder]. Ich war so wütend, dass er meinen Sohn nicht taufen konnte, weil er nicht würdig war, aber ich - ich hatte doch nichts getan! War ich nicht würdig?" Sie fängt an zu weinen.

"Das war einfach nicht fair, dass mein Sohn nicht von einem Elternteil getauft werden konnte!" Sie putzt sich die Nase und entschuldigt sich für den Gefühlsausbruch. "Ich war nicht auf die Kirche sauer, sondern auf meinen Mann. Aber wenn die Kirche für mich eine Ausnahme gemacht hätte - ich glaube fast, ich hätte es getan, ich hätte meinen Sohn selbst getauft!"

Soziales Auffangnetz Kirche

Die anderen Frauen lachen und applaudieren. "You go, girl!" Der soziale Zusammenhalt unter der Mormonen in schwierigen Situationen kommt zur Sprache. Tatsächlich bietet die Kirche Familien in harten Zeiten ein Auffangnetz, das seinesgleichen sucht. Nicht nur mit Rat und Hilfe, auch konkret mit Nahrungsmitteln unterstützt die Kirche Familien, die in Not geraten. Der Pioniergeist der Mormonen lebt weiter in einem starken Bedürfnis nach Unabhängigkeit gegenüber der Außenwelt. Die Frauen geben zu, dass Mormonen von "Nicht-Mitgliedern" oft als klüngelhaft angesehen werden. Man sollte Andersgläubigen gegenüber offener sein, meinen sie. Tatsächlich spüre ich während der Diskussion keine Zurückhaltung, alle reden unbefangen, von der Jüngsten bis zur 90-jährigen Edith. Nur als ich das Thema der "Himmlischen Mutter" zur Sprache bringe, wird es plötzlich still. Sie sei zu heilig, um über sie zu sprechen, wird mir zu verstehen gegeben.

Beim Abschied mahnt mich die rothaarige Maridin: "Ich sage dir eins, Sarah: Bleib bloss nicht beim 'Wort der Weisheit' stecken. Wenn wir Besuch aus Deutschland haben, spötteln die immer darüber, dass wir keinen Alkohol oder Kaffee trinken - das ist doch soo banal!" Ich verspreche ihr, dass ich das Thema Alkohol in einem Satz erledigen werde. Hier ist er: Man kann in Salt Lake City ohne weiteres einen Drink bekommen.

Im nächsten Teil geht es u.a. um die Polygamie bei den Mormonen.

von Sarah Paris

Die Autorin lebt als freie Journalistin in San Francisco. Ihr Text über die milliardenschwere und männerdominierte Kirche der MormonInnen, die ihr Zentrum in Salt Lake City hat, wird in mehreren Teilen auf dieStandard.at veröffentlicht.
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