Ground Zero der Deregulierung

9. Juli 2004, 10:18
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Enrons CEO Kenneth Lay: "Ich glaube an Gott und die freien Märkte" - Der Fall des texanischen Energieriesen Enron macht deutlich, was ein dereguliertes, neoliberales Marktmodell so alles möglich macht.

"Ich glaube an Gott und die freien Märkte", bekannte vor einem Jahr Kenneth Lay, Enrons Chief Executive Officer (CEO). Und dann stilisierte der Boss des Energiegiganten auch noch Jesus Christus zu einem Superliberalen im Sinne der 1990er-Jahre: "Er wollte, dass die Menschen die Freiheit der Entscheidung haben." Was Enron in den Neunzigerjahren vollbracht hat, wäre demnach ein Werk Gottes gewesen: die Privatisierung und Deregulierung der Stromerzeugung; die Mutation von einem Unternehmen, das Erdgasröhren herstellt, zu einem Energiehandelskonzern, der im Zuge einer ungehemmten Deregulierung die "Freiheit der Entscheidung" dazu nutzt, seine Profite zu maximieren. Am klarsten äußerte sich die Gunst des Allmächtigen in den Bonuszahlungen, die Lay sich für das Jahr 2000 genehmigte: 141,6 Millionen Dollar - ein Zuwachs von 184 Prozent gegenüber 1999. Kein Wunder, dass Jeff Skilling, der frühere Enron-CEO, gegenüber Business Week bekannte: "Wir haben die Engel auf unserer Seite. In jeder Branche, in der wir tätig wurden, waren wir die guten Jungs."

Chaotisches Gespinst

Das Unternehmen Enron hat sich stets seiner maximalen "Transparenz" gerühmt. Doch als es seine Zahlungsunfähigkeit erklärte, kam heraus, dass es sich um ein chaotisches Gespinst von Lügen, Nepotismus und gefälschten Bilanzen handelte. Und als sich herausstellte, wie fantasievoll Enron seine Gewinnmeldungen aufgeblasen hatte, gerieten die Investoren in Panik, und das Energieimperium mit einem Jahresumsatz von über 100 Milliarden Dollar brach in sich zusammen. Sein Börsenwert schrumpfte in kürzester Zeit auf ein 350stel. Dieser Absturz führte auch zu einer erneuten Debatte über die Pensionsfonds solcher Unternehmen, denn 60 Prozent der Gelder, die für die Alterssicherung der Enron-Angestellten zurückgelegt wurden, waren in Aktien der eigenen Firma angelegt.

Anbetung des freien Marktes

Der Enron-Bankrott ist zwar aus diversen Faktoren zu erklären, doch die haben alle mit der Ideologie des Unternehmens zu tun, mit seiner fanatischen, nachgerade sektiererischen Anbetung des freien Marktes. Enron kämpfte verbissen dafür, die staatliche Aufsicht über seine Geschäfte zu begrenzen oder ganz abzuschaffen. Es ist kein Zufall, dass diejenigen, die in ihren Anzeigen über die regierungsamtlichen Aufsichtsbehörden spotten und selbstgefällig ihre massiven Regelverstöße feiern, sich am Ende als Manager erweisen, die buchstäblich alle Regeln verletzt und alle Vorschriften umgangen haben. Enron war der erklärte Liebling all derer, die freie Märkte für den absoluten Höhepunkt der Schöpfung halten. Deshalb ist die Ruine dieses Unternehmens auch der beste Ort, um sich in aller Ruhe hinzusetzen und über den Stand der deregulierten, privatisierten Dinge nachzudenken, der in den letzten zehn Jahren so gnadenlos herbeigeführt wurde.

Ungehemmtes Spiel der Marktkräfte

Welche Einblicke bietet also dieser Ground Zero der Deregulierung? Wir sehen Spitzenmanager, die sich mit hunderten Millionen Dollar davonmachen, während die Beschäftigten ihre Firmenpensionen einbüßen und den Stromkunden ständige Stromausfälle zugemutet werden. Wir sehen Bilanzprüfungsfirmen, die besondere Nachsicht üben, weil die geprüften Unternehmen sie auch für ihre Beratertätigkeit bezahlen. Wir sehen gekaufte Politiker, Schlägertrupps, geplatzte Seifenblasen an den Börsen, kurzum: das Resultat eines ungehemmten Spiels der Marktkräfte.

Revolution

Enron hat die Finanzexperten allesamt hinters Licht geführt. Noch instruktiver ist aber im Grunde ein anderer Aspekt dieses Schattentheaters, nämlich der "politische" Erfolg der Enron-Bosse. Sie konnten die ganze Welt von der Idee überzeugen, dass ihre Passion für den freien Markt im Allgemeinen und für eine deregulierte Energiebranche im Besonderen nichts anderes als eine "Revolution" bedeute, die Freisetzung von "Kreativität", ja die Freiheit schlechthin. Die Unternehmen müssten wie säkularisierte Götter mit der ganzen Welt hantieren können, erst damit sei die Demokratie, ja die Macht des Volkes zu realisieren. (Tom Frank)

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