Affe-Mensch-Vergleich zeigt: Denken ähnlich

21. Februar 2002, 20:14
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Gemeinsamkeit eröffnet Hirnforschung neue Perspektiven

Tokio/San Diego/Wien - Seit hundert Jahren suchen Anthropologen die Überlegenheit des Menschen über die höheren Tiere im "frontalen Kortex", einer Gehirnregion, die eine Schlüsselrolle beim abstrakten Denken spielt und deren Größenverhältnis zum gesamten Gehirn den Menschen lange bevorzugt aussehen ließ.

Aber das war eine Fehlinterpretation, wie sich nun zeigt. Gleich zwei Forschergruppen bringen mit neuen Erkenntnissen über Affen die Hirnforschung einen großen Schritt weiter, zeigen sie doch, dass an Primaten aufgrund der großen Ähnlichkeit Menschliches studiert werden kann.

Die eine Gruppe an der University of California in San Diego hat Affengehirne mit bildgebenden Methoden neu vermessen und eine Lücke geschlossen: Zu den früheren Vergleichen hatte man schlichtere Affen wie Gibbons herangezogen, die "großen" wie Schimpansen aber vernachlässigt.

Jetzt hat man 30 Affen durchgemessen und bei den "großen" exakt dasselbe Verhältnis des frontalen Kortex zum Gesamtgehirn gefunden wie beim Menschen: 36 Prozent.

Streitfall Intelligenz

Trotzdem wollen diese Forscher den "großen" Verwandten nicht dieselbe Intelligenz zusprechen und vermuten nun, dass das Menschengehirn komplexer verschaltet ist. Zudem ist und bleibt es in seiner Gesamtmasse dreimal so groß wie das der Primaten.

Die zweite Forschergruppe um den Neurologen Yasushi Miyashita ist ebendiesem Thema Intelligenz nachgegangen - anhand bestimmter kognitiver Fähigkeiten bei Makaken. Diese mussten an der Uni Tokio den so genannten Wisconsin Card Sorting Test absolvieren - ebenso wie Menschen.

Konkret hatten beide Gruppen unter diversen Karten mit Symbolen jene zu erkennen, deren Symbole sie zuvor eingelernt hatten. Im positiven Fall galt es, einen Knopf zu drücken. Ein Teil dieses gebräuchlichen Erkenntnistests besteht im Paradigmenwechsel zu einem anderen Symbol, das zu identifizieren und auf das zu reagieren ist - eine Aufgabe, die neben Intelligenz auch Flexibilität erfordert.

Bei Menschen wie Affen erfassten die Forscher mittels bildgebender Magnetresonanz, welche Felder der Hirnrinde jeweils stimuliert wurden. Und siehe da: Bei beiden werden dafür Regionen angeregt, die gleich aufgebaut sind - eine wichtige Erkenntnis für die Hirnforschung beim Menschen. "Das macht für uns", sagt Neurologe Miyashita erfreut zum STANDARD, "den direkten Vergleich von Gehirnfunktionen zwischen Affen und Menschen möglich." Weitere Tierexperimente, etwa mit eingepflanzten Elektroden, könnten helfen, unser Gehirn besser zu begreifen.

Evolution gemeinsam

Die Erkenntnis gibt aber auch Aufschluss über die gemeinsame Evolution: "Das hier getestete Formen- und Farberkennen", schlussfolgert Hans Lassmann, Hirnforscher der Uni Wien, "hat sich als etwas Lebenswichtiges früher in der Evolution entwickelt und läuft im Prinzip gleich ab. Bei anderen Aufgaben aber verwenden Primaten ganz andere Hirnregionen als der Mensch."

Mit seinen 100 Milliarden Nervenzellen à 1000 Synapsen bildet unser Gehirn ein Netz aus geschätzten 340.000 Kilometern Nervenfasern, das die Wissenschaft bisher nur bruchstückhaft durchschaut. (rosch, jl, Science Nr. 5559, S. 1532, Nature Neuroscience online, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.2.2002)

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