Kolumne: Das "Böse" mit Anführungszeichen

21. Februar 2002, 20:16
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Von Hans Rauscher

Seit George W. Bush von der "Achse des Bösen" (Nordkorea, Irak, Iran) gesprochen hat, erscheint der Begriff "das Böse" in vielen europäischen und fast allen US-Medien nur noch mit Anführungszeichen: als Vorwand für die Schießwütigkeit eines texanischen Cow-boys und/oder als Ahnungslosigkeit eines unbedarften Amis, der im Unterschied zu uns (Europäern, Österreichern) die feinen Nuancen, die besonderen Umstände, die diese Regime zu ihren Taten treiben, nicht so recht zu würdigen weiß. Dass es eine amerikanische Arroganz der Macht gibt und dass Bush und die Seinen ziemlich reaktionäre Burschen sind, ist unbestritten. Aber das ist in der gegebenen Situation ziemlich gleichgültig. Viele haben es nicht gemerkt, aber mit dem 11. September ist eine neue weltpolitische Situation eingetreten: Die westlichen Demokratien sehen sich wieder mit einem unversöhnlichen Feind konfrontiert.

Im 20. Jahrhundert wurden die Demokratien durch den Nationalsozialismus und den Kommunismus fundamental herausgefordert. Das waren totalitäre Ideologien, die keine andere Lebensform neben sich bestehen lassen wollten, ganz buchstäblich. Nun ist es der Islamismus, als religiöser Totalitarismus, der versucht, an die Stelle der beiden gescheiterten säkularen Totalitarismen zu treten.

Bin Ladens Traum war (ist) die Errichtung eines Gottesstaates von Palästina (nach der Vernichtung Israels) bis Afghanistan oder noch weiter (Indonesien). "Der Islam in seiner fundamentalistischen Form ist in gewisser Weise der dritte Faschismus, der grüne Faschismus nach dem braunen und dem roten", sagt der französische Philosoph Bernard-Henri Levy".

Die Amerikaner haben daraus den einzig möglichen Schluss gezogen: "Wir wurden angegriffen - und wir brauchen daher kein weiteres Mandat um zu handeln. Die Berechtigung zum Handeln ist die Selbstverteidigung" (Unterstaatssekretär Paul Wolfowitz).

Aber warum scheinen nun die USA den Krieg auf die "Achse des Bösen" ausdehnen zu wollen? Es gibt eine Logik dahinter: wir sind einmal überrascht worden, noch einmal passiert uns das nicht. Nordkorea, Iran und Irak arbeiten an oder besitzen Massenvernichtungswaffen. Sie unterstützen den Terrorismus. Dagegen unternehmen wir zeitgerecht etwas. Oder wir erklären zeitgerecht, dass wir, wenn notwendig, etwas unternehmen werden. So funktioniert Abschreckung.

Und: Als Ronald Reagan die Sowjetunion das "Reich des Bösen" nannte, hatte er (vor Gorbatschow) nicht nur recht, er erzielte damit auch einen Effekt: die Unterdrückten dieses Reichs, beginnend mit der "Solidarnosc", fassten Mut zum Widerstand, der letztlich zum Erfolg führte. Die (West-) Europäer übrigens waren gegenüber dem Ostblock den Weg des "Wandels durch Annäherung", des Kontakts, der Einbindung gegangen; auch der war richtig, aber er hätte allein nicht zum Sturz des Sowjetimperiums geführt.

Auch heute ist die europäische Methode des "Dialogs" manchmal nützlich. Aber sie genügt nicht. Mit dem gemäßigten Islam ist ein Dialog möglich, mit dem totalitären Islam nicht. Letztlich wohl auch mit einem Saddam Hussein nicht.

Man muss nicht "Achse des Bösen" dazu sagen. Aber man muss wissen, dass es das gibt. Das ist nicht "simplizistisch" oder Ausdruck einer Machtarroganz, sondern einfach realistisch. Als die Amerikaner übrigens das wirklich Böse, nämlich das Hitler-Regime besiegt hatten, gründeten sie auch Zeitungen, um den Deutschen und Österreichern Demokratie nahezubringen. In vielen dieser Blätter mokiert man sich heute besonders über ihre "simplizistische" Weltsicht.
hans.rauscher@derStandard.at

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