Ein Leben für die Magensäure

21. Februar 2002, 18:13
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Punk-Gevatter Mark E. Smith gastierte mit The Fall in der Szene Wien

Von Christian Schachinger

Wien - 25 Jahre und gut 35 Alben später hat sich auch nicht viel verändert. Mark E. Smith hat mächtig schlechte Laune. Der Mann, der in seiner schwarzen Bundfaltenhose, dem weißen Hemd und seiner Silberkette am Handgelenk mittlerweile aussieht wie ein dem Zwetschkenschnaps mit der Schal-Trinkermethode zusprechender Kellner in einer Brathendlstation, schlurft missmutig auf die Bühne und sondert Gift und Galle ins Mikrofon ab.

Dazwischen werden im Mund die abgefeimtesten unter den Gemeinheiten angewidert vorgekaut: "I'm in a Bourgeois Town, I'm in a Bourgeois Town, I got the Bourgeois Blues, spread the news around - chrrr-pff!"

Fast hätte er es nicht bemerkt: Publikum ist heute auch da. Wahrscheinlich ist die Toilette draußen zu klein. Deshalb können nicht alle gleichzeitig scheißen gehen. Sie verstellen im Saal den Platz. Widerliches Geschmeiß. Gar nicht gnorieren.

Früher, als Mark E. Smith noch mit den Leuten vor der Bühne kommunizierte und ihnen Nettigkeiten sagte wie jene, dass der Unterschied zwischen ihm und den Zuhörern darin bestehe, dass diejenigen, die Eintritt für The Fall bezahlt hätten, definitiv nicht mit einem Führerschein gesegnet seien, der sie zum Lenken eines Gehirns berechtige, früher, das war tatsächlich noch Punkrock in seiner härtesten Ausformung.

Stoische, plumpe Beats im Midtempo-Bereich, endlose Riff-Wiederholungen auf kratzigen Gitarren, rumpelnden Bässen und quengelnden Zweifingerorgeln. Have Found Bormann, Lucifer Over Lancashire, Container Drivers: Songs, die eine ganze Generation von nachrückenden genialen Dilettanten Bands gründen ließen.

Hinter jeder rausgespuckten Textzeile noch schnell ein "!Fuck you!" hinterher ... Jahrhundertalben wie Grotesque (After The Gramme) oder Perverted By Language. Eine monomanische Kunstform, die von der Zerstörung ebenso lebte wie von der Selbstzerstörung. The Fall, das war einmal eine gefährliche Angelegenheit. Ende der 70er-Jahre trug sie auf ihren schmächtigen Schultern tatsächlich eine Revolution mit.

Heute ist ein Konzert von The Fall auch Lichtjahre nach dem Ausverkauf der Sex Pistols, dem Selbstmord Kurt Cobains und der Promotiontour von DJ Ötzi durch die USA noch immer eine gefährliche Sache. Allerdings eher für die Künstler.

Mark E. Smith muss aufpassen, dass er bei seinen Hasstiraden nicht versehentlich seine geschundene Leber ausspuckt, und die Sklaven, die derzeit im klassischen Rockband-Trioformat und auf den Spuren von Iggy Pop und den Stooges für den Massa schuften, die müssen auch aufpassen. Damit sie vom Chef keine angeschoben bekommen, wenn sie sich verspielen.

Eine britische Zeitung hat geschrieben, bei The Fall handle es sich um "25 years of tragedy in progress". Das ist gut erkannt. Für immer Punk.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. 2. 2002)

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