Papierrecycling im Mittelalter: Makulaturen an Grazer Uni erforscht

21. Februar 2002, 13:26
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Bibliothekare gewinnen aus Fragmenten in Buchdeckeln historische Dokumente

Graz - Rund 3.500 Handschriften und Inkunabeln und rund 13.000 Druckwerke alleine aus dem 16. Jahrhundert verwahrt die Grazer Universitätsitätsbibliothek. Bei Restaurierungen stoßen die Mitarbeiter der Abteilung unter der Leitung von Hans Zotter immer wieder auf neue geschichtsträchtige Dokumente innerhalb dieser Schriftwerke. Sie dienten als Füllmaterial in Buchdeckeln oder zur Verstärkung der -rücken. "Wir haben Hunderte solcher Fragmente, die sich teils auch zusammengefügen, gefunden, aber wir rechnen noch mit Tausenden weiteren, so Zotter, der diese mittelalterlichen Recyclingprodukte erstmals digital erfasst, um sie so besser zugänglich zu machen.

Bibel aus Bamberg

"Als man in der Frühzeit des Buchdrucks nicht mehr auf Codices aus Pergament angewiesen war, landete das strapazierfähige Tierprodukt nicht einfach im Abfall, sondern wurde weiterhin bei der Buchproduktion wie zum Beispiel zur Verstärkung der Falze oder für Einbände verwendet", erklärte Zotter. So ist beispielsweise das älteste Druckwerk der Universitätsbibliothek - die Pergamentausgabe der äußerst seltenen 36-zeiligen Bibel aus Bamberg (die "B 36") von 1460 - als dreiteiliges Fragment in einem Einband eines jüngeren Druckwerkes in Graz gefunden worden. "Hier wurden die Buchdeckel innen mit jenem Pergament verstärkt", erklärt Zotter.

"Ein Viertel bis ein Drittel fügt sich zusammen, so dass eine ziemlich exakte Erschließung des Inhalts möglich wird", so Zotter. Ein weiteres Drittel lasse immerhin zu, dass der Text in seinen Grundaussagen verständlich wird. "Durch die Digitalisierung hoffen wir, das bisher unsichtbare alte österreichische Dokumentenerbe einer breiteren interessierten wissenschaftlichen Öffentlichkeit zugänglich zu machen", so Zotter, der in den kommenden Monaten die ersten Dokumente ins Netz stellen will. (APA)

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