Von der orchestrierten Wehklage

25. Februar 2002, 03:39
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Komponist Luciano Berio trifft Viola-Virtuosin Kim Kashkashian. Gesprächsthema ist die sizilianische Folklore, die Berio auf "Voci" subtil in seinen Musikkosmos integriert

Großmeister Luciano Berio, kein Dogmatiker der Moderne. Immer am Bezug zur Praxis interessiert, bemühte er sich auch, gestrenge Komponiermethoden, etwa jene des Seriellen, hinter das Klangerlebnis treten zu lassen. Auch zur Musiktradition hat er kein phobisches, eher ein produktives Verhältnis gehabt. In Sinfonia etwa, diesem grandiosen vokal-orchestralen Kosmos, verinnerlicht er mit auratischem Klangergebnis die symphonische Welt Gustav Mahlers; und im Sommer kommt in Salzburg Puccinis Turandot mit einem von Berio verfassten neuen Schluss zur Aufführung. Auch die Folklore diente dem leisen Italiener dann und wann als Inspirationsquelle - einst arrangierte er für seine Frau, die Sängerin Cathy Berberian, Folk Songs. Auf Voci (ECM/Vertrieb: Lotus) gibt es nun eine Begegnung mit seinen delikaten Reaktionen auf die sizilianische Folklore - interpretiert von Viola-Könnerin Kim Kashkashian und dem Radio Symphonieorchester Wien unter Dirigent Dennis Russell Davies. Um Berios Assoziationen zu dieser Tradition, die sich hier in zwei Stücken vermitteln, besser verstehen zu können, beginnt man am besten mit dem Mittelstück. Sizilianische Uraltgesänge tönen einem da entgegen, transportiert von rauen Stimmen, voll der Wehklage. Über einem Bordun-Ton erheben sich Linien auf modaler Skalenbasis; wo es mehrstimmig wird, regieren Oktavverhältnisse, die durch wankelmütige Intonation eine schöne Desolat- heit erlangen, die Teil des Ausdrucks ist. Mitunter entsteht eine unfreiwillig kühne Harmonik, unfreiwillig, da natürlich horizontales Liniendenken dominiert. Die Botschaft der Gesänge ist aber tränenklar: Am Anfang war der Schmerz - am Ende auch. Berio nimmt den grob-melancholischen Ausdruck auf, besonders in Naturale: Vorhandenes historisches Material wird zum Ausgangspunkt für ein höchst subjektives Komponierabenteuer, das Tradition als Gestus und Farbe durchschimmern lässt. Kim Kashkashian trifft da mit ihrer alle Ausdrucksschattierungen delikat umsetzenden Meisterschaft auf die sehr alten Gesänge, die vom Band kommen. Komplett wird das Werk durch Percussionideen. Das Ganze bewegt sich zwischen romantisch angehauchter Kantilene und einem instrumentalen Ausdruck, der von heiter bis erdig reicht. Beim orchestral angelegten Voci berückt vor allem Berios atmosphärische Kraft, die vom RSO umgesetzt wird. Cluster-Flächen umgarnen den Wehklage-Ton der Viola, mitunter ergießt sich expressives Stimmengewirr über das Instrument wie eine Riesenwelle; zuweilen entwickelt der Orchesterpart indes durch seine Subtilität ein nachtschattiges Eigenleben. Auch ein Verdienst von Russell Davies, der übrigens einst bei Berio studiert hat und meint: "Noch heute ist er der Einzige, von dem ich bemerke, dass er den Raum betritt, auch wenn ich dirigiere!"
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. 2. 2002)
Von
Ljubisa Tosic

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