Der Ton macht die Gestalt

21. Februar 2002, 18:21
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In Frankfurt wurde aus verstörenden Frequenzen und weißem Schaumstoff eine blendende Ausstellung gebaut

Grafik: schirn-kunsthalle.de
schirn-kunsthalle.de
Von Markus Mittringer

Will Bradley lebt in Glasgow, veröffentlicht von dort aus Beiträge über Musik, zeitgenössische Kunst und allgemeinere kulturelle Fragen und forscht derzeit auch noch an der Manchester Metropolitan University. Er ist einer der zahlreichen Autoren des Begleitbuches zur Ausstellung Frequenzen [Hz] in der Schirn Kunsthalle Frankfurt. Zahlreich sind die Autoren schon allein deshalb, weil es bei audiovisuellen Räumen wenig zu sehen und in Folge auch wenig abzubilden gibt. Und noch etwas macht Will Bradley interessant: "Die Waffe meiner Wahl ist Linda Ronstadt."

Gnadenlos würde er im äußersten Notfall sofort zu "You're No Good" greifen. Allein, wer ist dagegen nicht schon resistent. Wer hört die Nummer eins der Weltflughäfen schon noch bewusst, wer nimmt noch differenziert wahr, was in den Malls und Passagen, was in den Supermärkten und Kinocentern so alles vom CD-Wechsler kommt. Ein diesbezüglicher Dauertest wird demnächst in Wien durchgeführt: Eine endlose Folge von Hits aus dem Klassikbereich soll die Unterführung von der Oper zum Musikverein bzw. zur Secession aufwerten. Fluch oder Segen? Lösung des Drogenproblems durch selbsttätige Flurbereinigung via Goldenen Schuss? Oder werden die dadurch jetzt auch noch zu ordentlichen Konsumgüterkonsumenten? Merken bloß noch unprofessionelle, antiamerikanisch unterfütterte Geräuschterroristen, wenn im Hintergrund ein Bombardement abgeht?

Die Avantgarde der Tonkunst setzt auf Minimales mit maximalem technischen Aufwand. Die Avantgarde ist wie immer moralisch, will die Abgeklärten aufklären, dem synthetischen Flachjazz den reinen Sinuston entgegensetzen. Zwecks Irritation. Und also brummt es erdbebentief- und also klirrt es soubrettenhochfrequent. Und da die Intervention in den Alltag auf Dauer recht brotlos, ihr Anliegen dagegen hehr ist, passt Audio auch ins stille Museum, in die herkömmliche Kunsthalle. Lässt sich einpassen. Es muss halt das Equipment auch visuell aufgerüstet werden. Pädagogisch wertvolle Anregungen liefern die Experimentierkästen der Kosmos-Reihe. Und auch eingedenk des Physikunterrichts wird manche Umsetzungsfrage klarer. Carsten Nicolai lässt, wie schon in den Giardini von Venedig, Wasser in riesigen Glaskolben anschaulich vor dem Ton zittern, Tommi Grönlung und Petteri Nisunen bereiten das an sich recht gut dokumentierte Phänomen "Interferenz" ausstellungstauglich auf, stellen den willig erlebnishungrigen Besucher mitten in jene Achse, die zwei tonabsondernde Parabolspiegel bilden, auf dass sich die gesendeten Frequenzen im Kopf überlagern mögen. Franz Pomassls Subwoofer versetzten das empfindsame Gedärm ebenso in Aufruhr wie die Grundfesten der architektonisch ohnehin verbauten Schirnhalle.

Den Erlebnispfad gestaltet haben Nikolaus Hirsch und Michael Müller. Die erst haben aus allerhand Schallquellen eine Schau gemacht, die diversen Oszillatoren in Kreuzwegstationen gegliedert. Die Signale mäandern den langen Schirn-Gang auf und ab. Der White Cube ist noch eine Spur heller gehalten. Fester weißer Schaumstoff säumt den verschlungenen Weg. Die auch zum weiteren Verständnis des Gebotenen unbedingt notwendigen Kurzbeschreibungen sind grabsteingleich in das Material gemeißelt. Die äußere Umgebung, wie auch der Schirn problematisches Inneres sind ausgeblendet. Und mit ihnen alle möglichen Ursachen des Lärms. Es bleiben: der reine Ton, der kunstfertige Krach, das leichte Zittern.

Die Architektur vereinheitlicht, sie ist blendend. Sie schafft eine Abfolge autonomer Zonen. Geschützt auch vom Sound des Nächsten schafft sie ideale Bedingungen für ungeteilte Aufmerksamkeit. Für die kleinen Abweichungen wie Mika Vainino sie mit asynchron gehenden Uhren demonstriert, für Farmersmanuals nicht nur musikferne Form- und Rhythmussuche im Info-Dschungel. Die derart gut geleiteten Besucher jedenfalls nehmen die Stimuli dankbar an; und scheinen nicht nur gegen Linda Ronstadt zumindest oberflächlich resistent zu sein. Die auf Irritation streng bedachte Eröffnungsperformance - wenn der Zahnarzt zur Kettensäge greift - wurde mit tosendem Applaus quittiert.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, RONDO, 22. 2. 2002)

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