"Die größte Bedrohung für die Kirche sind Feministinnen, Homosexuelle und Gelehrte"

21. Februar 2002, 16:54
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Der "Oberste Apostel" Boyd Packer leitete eine Welle der Verfolgung gegen KritikerInnen der Kirche ein - Teil II

Diese Aussage des "Obersten Apostel" Boyd Packer leitete 1993 eine Welle der Verfolgung gegen KritikerInnen der Kirche ein. Eine der Zielscheiben war die Schriftstellerin Maxine Hanks. Sie sprach sich offen für eine feministische Interpretation ihrer Religion aus und wagte es, von der "Heiligen Mutter" zu reden, einem Tabu-Subjekt. Für ihre Veröffentlichungen wurde sie von der LDS-Kirche exkommuniziert. Wir lassen Dianna und Carmia im Coffeeshop zurück und treffen Maxine Hanks vor dem Tempel. Das verschlossene Gitter um den Tempelhof erinnert daran, dass das Betreten des Heiligtums Ungläubigen und Ketzern streng untersagt ist. Einst standen diese Gittertore weit offen für Maxine, die einer alteingesessenen Mormonenfamilie entstammt. Sämtliche ihrer Vorfahren waren Pioniere, selbst mit Joseph Smith ist sie verwandt. Hier im Tempel von Salt Lake City wurde sie als junge Frau zur Missionarin geweiht. Aber dann kamen die Zweifel.

"Ich wehrte mich gegen Heirat und Kinder"

"Ich wehrte mich gegen Heirat und Kinder. Ich wollte das Recht haben, herauszufinden, wer ich überhaupt war. Die Kirche schreibt dir eine Rolle vor -- ich nenne es die 'obligatorische Mutterschaft'. Mutterschaft ist wundervoll; obligatorische Mutterschaft ist ganz einfach falsch." Ein junger Missionar auf der anderen Seite der Abschrankung mustert uns und spricht in sein Walkie-Talkie. Wir verziehen uns ins Besucherzentrum, wo wir mit der lebensgrossen Figur von Brigham Young konfrontiert werden.

Intensive Feindseligekeit gegenüber Frauen

"Die Feindseligkeit Frauen gegenüber ist unterschwellig, aber intensiv", meint Maxine mit einem Seitenblick auf die Figur des Mormonenpioniers. "Das Weibliche wird hier so unterdrückt, dass es auf andere, ungesunde Art zu Vorschein kommt. Ich bin ein klassisches Beispiel. Als Teenager war ich magersüchtig. Als ich später an der Brigham Young Universität studierte, nahm ich enorm zu. Du kommst dir minderwertig vor und isst zum Trost."

"Ich begriff, dass das Leben mir gehört"

Ein Knopfdruck würde Brigham Young zum Sprechen bringen, aber wir verzichten auf seine weisen Worte und setzen uns in eine ruhige Ecke. Maxine starrt durch die Fensterscheiben auf die Umrisse des Tempels. "Es war meine Spiritualität, die mich rettete. Ich betete und meditierte, als die Spannung in mir zu gross wurde. Ich sagte zu Gott: Ich kann das nicht mehr ertragen. Ich begriff nicht, warum ich heiraten musste, um Sex zu haben. Dann kam dieses Aha-Erlebnis - eine ganz starke Erkenntnis, dass Gott mich liebt. Dass er mich nicht verachten wird, solange ich meine Integrität bewahre. Es war überwältigend. Ich begriff, dass mein Leben mir gehört. Das tönt so selbstverständlich, aber für eine durchprogrammierte Mormonen-Frau war das eine Riesensache!"

Tabuthema Himmlische Mutter

Maxine weist auf den Tempel: "Du bist diese winzige Person mit dieser gigantischen Kirchengeschichte, dieser ganzen Kultur, die auf dir lastet. Diese Last von dir zu werfen und zu begreifen, dass du ein Recht darauf hast, du selbst zu sein, das gelingt den wenigsten. Vor allem nicht in jungen Jahren. Die meisten kommen erst viel später zu dieser Einsicht, wenn sie vierzig, fünfzig, sechzig sind, nachdem sie enorm viel durchgemacht haben."

Wir diskutieren über die Himmlische Mutter, ein Tabuthema in einer Religion, in welcher selbst Gott Vielweiberei praktiziert. Dianna und Carmia erscheinen, um uns abzuholen. Die kirchentreuen Mormoninnen und die exkommunizierte Feministin mustern sich neugierig und beginnen, freundlich über Belanglosigkeiten zu plaudern. "Sie scheint ganz nett zu sein", bemerkt Carmia auf der Weiterfahrt.

"Querschnitt moderner LDS-Frauen"

Rund acht Strassenblocks südlich und zehn Blocks westlich vom Tempel steht ein Bilderbuch-hübsches Haus. Hier hat die unternehmerische Carmia für uns einen "Querschnitt moderner LDS-Frauen" versammelt. Zwölf Frauen sind es ("die zwölf Apostel" denke ich), die Jüngste 24, die Älteste 90, aus unterschiedlichsten Einkommens- und Bildungsstufen. "Trotz unserer Unterschiede wirst du sehen, dass wir uns über gewisse Fragen völlig einig sind", versichert mir Carmia.

Wir plaudern bei Kürbiskuchen und alkoholfreier Bowle. Dianna erzählt mir die hiesige Version des altbekannten Glühbirnenwitzes: "Wieviele Mormoninnen braucht es, um eine Glühbirne einzuschrauben? Mindestens sechs: Eine zum Schrauben, die anderen bringen die Erfrischungen."

Ist Mutterschaft hier obligatorisch?

Carmia versammelt die Frauen im Kreis im Wohnzimmer, und ich beginne die Diskussion mit dem Thema, das Maxine Hanks aufgegriffen hatte: Ist Mutterschaft hier obligatorisch?

Tara, die Tochter von Carmia, ist mit 24 die Jüngste im Kreis und noch unverheiratet. Nein, sie fühle sich deswegen nicht unter Druck, sagt sie, auch wenn die meisten ihrer Freundinnen verheiratet seien. Ihre Kusine, Shannon sitzt neben ihr. Sie hat mit 22 geheiratet, liess sich aber fünf Jahre Zeit, bis sie ein Kind hatte. "Klar hat man mich seit meinem Hochzeitstag auf das Thema Kinder angesprochen" gibt sie zu, "aber das war doch bloss Geschwätz. Ich wollte zuerst einmal meinen Mann kennenlernen und das Leben mit ihm geniessen."

"Wir sind nie gezwungen worden..."

Tara und Shannon plaudern selbstbewusst wie die meisten jungen Amerikanerinnen. Rose, die vor drei Jahren aus den Philippinen in die USA kam und hier als Kindermädchen arbeitet, ist so scheu, dass sie nur stockend reden kann.

"Wir sind nie dazu gezwungen, etwas gegen unseren Willen zu tun", haucht sie ins Mikrophon, das Shannon ihr gereicht hat. "Du fühlst dich immer geliebt .... du fühlst, dass du dazu gehörst, egal ob verheiratet oder ledig. Ich fühle mich nicht unter Druck, obwohl ich schon 34 bin und noch immer nicht verheiratet ... (unter Tränen) ... Die lieben dich, so wie du bist, das ist das Schöne an der Kirche, an der Botschaft."

Lesen Sie morgen: Über Mormonen-Machos

von Sarah Paris

Die Autorin lebt als freie Journalistin in San Francisco. Ihr Text über die milliardenschwere und männerdominierte Kirche der MormonInnen, die ihr Zentrum in Salt Lake City hat, wird in mehreren Teilen auf dieStandard.at veröffentlicht.

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