Die große Unbekannte

20. Juli 2005, 14:21
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Die viertgrößte Stadt Italiens leidet noch unter ihrem Image als Industriestadt. Bis 2006, den nächsten Olympischen Winterspielen, die von Turin veranstaltet werden, will sie zur Touristenmetropole werden

Ein ahnungsloses Touristenpärchen aus Übersee, kürzlich zu Besuch in Turin, war bass erstaunt. Nein, die Stadt existiere nicht erst seit 1899, erklärte ihnen ein Einheimischer verblüfft. Dies sei zwar das Jahr gewesen, als Fiat sein erstes Auto in Turin entwickelte, doch die Stadt sei viele Jahrhunderte alt. Die rechtwinkelig angeordneten Straßen, die dem Raster amerikanischer Großstädte ähneln, seien nicht der Ford-Stadt Detroit abgeschaut, sondern hätten ihren Ursprung in der Lagerbauweise der alten Römer.

Solche Unbedarftheit von Turinbesuchern komme zwar nicht allzu oft vor, meint Silvia Lanza, Pressesprecherin von "Turismo Torino", doch "Turin hat für Touristen immer einigen Erklärungsbedarf." Denn selbst den italienkundigen Österreichern ist die Stadt im Nordosten Italiens und damit im toten Winkel des Brenners, meist nur des Fußballs (Juventus Turin) oder der Fiat-Werke wegen ein Begriff. Die Hauptstadt des Piemont hat das Image einer Industriestadt, und ist auch für Österreicher kaum ein Urlaubsziel. Allenfalls noch für Gourmets: Als Umschlagplatz für Barolo und weiße Trüffeln aus den nahe gelegenen piemontesischen Hügeln bei Alba gilt Turin als Mekka der Slow-Food-Bewegung.

Jetzt aber soll das anders werden. Turin hat ein neues Ziel vor Augen: Als Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2006 hat sich Turin gegen internationale Konkurrenz durchgesetzt - wie auch gegen das österreichische "senza confini"-Projekt, mit dem sich Kärnten, Slowenien und Friaul Julisch-Venetien gemeinsam bewarben. An der Südseite der Alpen gelegen - der Neo-Olympia-Skiort Sestriere ist nur eine knappe Stunde mit dem Auto entfernt - will Turin diese Chance der internationalen Aufmerksamkeit nutzen, um sich verstärkt als moderne Großstadt mit kulturellem Erbe zu präsentieren. "Turin hat einiges zu bieten", ist Lanza überzeugt, "wir müssen das nur noch stärker kommunizieren."

Die heute mit einer Million Einwohnern viertgrößte Stadt Italiens erlebte ihre Glanzzeit vor 150 Jahren, im Zeitalter des "Risorgimento". Die Turiner erwiesen sich als eifrige Kämpfer für ein geeintes Italien mit demokratischer Verfassung und einem König als Staatsoberhaupt. Geschickt schmiedeten sie Allianzen und brachten Streitparteien quer durch die Kleinstaaten Italiens, quer durch Europa unter einen Hut. Der Lohn für ihre Beharrlichkeit: 1861 wird Emanuel II. zum König von Italien gekrönt. Und Turin, seine Residenzstadt, wird zur ersten Hauptstadt des vereinten Italiens. Die Freude darüber dauerte freilich nicht lange. Nach vier Jahren war es mit der Hauptstadtwürde wieder vorbei. Intrigenerprobt über Jahrhunderte, setzte sich zunächst das Florenz der Medici durch, Turin hatte das Nachsehen.

Dass dann auch die Florentiner durch die Römer der Hauptstadtwürde entledigt werden, ist für die Piemonteser allerdings nur ein schwacher Trost. Trotzig wendet sich die Stadt neuen Aufgaben zu. Die Stadt des Barocks, die dem Papst in der Gegenreformation im 17. und 18. Jahrhundert gute Dienste leistete, indem sie den aufkeimenden Protestantismus zurückdrängte, entdeckt das protestantische Arbeitsethos für sich. Keine Feste feiern, sondern arbeiten, schaffen, sparen und - bauen.

Turins Innenstadt ist durchzogen von weitläufigen Boulevards mit Linden- und Kastanienbäumen. Vornehm zurückgenommener Barock säumt die Straßen, und die perfekt symmetrisch ausgerichteten Hauptplätze im historischen Kern erinnern an vergangenen Glanz. Daneben finden sich im Zentrum fast 20 Kilometer Arkadengänge - was Turin heute zur größten und ältesten Fußgängerzone Europas macht. Wer dort flaniert, wird sich bald in einem der traditionellen Kaffeehäuser wiederfinden, wo man inmitten von goldenem Stuck und Spiegeln Bicerin, ein typisches Turiner Kaffee-Schokolade-Schlagobers-Gemisch serviert und der Kellner bei einem Martini nicht zu erwähnen vergisst, dass der berühmte Wermut in Turin seine Heimat hat.

Und: Turin gilt als Stadt der Museen. Das Ägyptische Museum besitzt eine der wichtigsten Papyrisammlungen der Welt, es gibt - selbstverständlich - ein Fiat-Automuseum, und im Wahrzeichen der Stadt, der Mole Antonelliana (ein riesiger Kuppelbau mit spitzem Turm, das die Turiner "hässliche Giraffe" nennen), ist das "Museo Nazionale del Cinema" untergebracht. Mit seinem modernen Gestaltungskonzept gehört das Filmmuseum heute zu den Hauptattraktionen für Turinbesucher. Die 70 Meter hohe Kuppel ist bis oben hin begehbar und mit Breitwandprojektoren ausgestattet. Besucher können dort Filmausschnitte von Liebesszenen gleich im Doppelbett miterleben.

Turins Engagement für Cineasten ist historisch begründet. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts versuchte sich die Handelsstadt als "Hollywood Italiens". Mehr als hundert Produktionsfirmen waren in den Stummfilmzeiten in Turin angesiedelt und schrieben mit ihren Filmen frühe Kinogeschichte. Doch Anfang der 30er-Jahre musste die Stadt ihren Ruhm wieder abgeben, diesmal direkt an Rom, wo Mussolini den Bau der Cinecittà veranlasst hatte. Die Produktionsfirmen zogen fort gen Süden.

Turin durfte sich aber fortan mit Fiat trösten. Mit der Automobilindustrie begann die Stadt zu wachsen, prosperierte und dehnte sich nach Lingoto, Mirafiori und Rivalta aus. Fiat wurde zum Symbol für Fortschritt, Zukunft, Futurismus - und Turin. Von den 30er-Jahren an zogen immer mehr Apulier, Kalabrier und Sizilianer hierher. Die Stadtplaner verlängerten die Straßen, bauten Wohnungen und komplett neue Siedlungen. Und: Der Traditionsclub FC Torino bekam Konkurrenz von Juventus, dessen Spielern bald nicht nur mehr die neu zugewanderten Arbeiter begeistert zujubelten. 1923 wurde Fiat-Boss Edoardo Agnelli, Sohn des Firmengründers, Präsident von "Juve".

So wurde die Gleichung perfekt, die Turin heute zu schaffen macht: Turin ist gleich Fiat ist gleich Juventus ist gleich Turin. Das Schicksal Turins ist bis heute eng mit dem größten Konzerns Italiens verknüpft, der immerhin fünf Prozent des italienischen Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet. Doch ob Fiat ein zweites Jahrhundert in Turin seinen Stammsitz halten wird, gilt immer wieder als fraglich. In den vergangenen Jahren gingen Tausende Arbeitsplätze - entgegen allen Beteuerungen - verloren. Mit den verstärkten Bemühungen um Gäste von auswärts versucht sich Turin nun ein zweites Standbein zu schaffen, um sich von der Entwicklung des Riesenkonzerns unabhängiger zu machen.

Touristen aus Frankreich, Spanien und der Schweiz ist Turin mittlerweile keine ganz Unbekannte mehr. Immerhin entfielen 2001 die meisten der 1,5 Millionen Nächtigungen auf Besucher aus diesen Ländern. "Seit unserer Bewerbung für die olympischen Spiele geht es mit den Zahlen stetig bergauf", sagt Fremdenverkehrsexpertin Lanza nicht ohne Stolz. "Bis 2006 wollen wir die Nächtigungszahlen noch auf drei Millionen verdoppeln." Bis dahin wollen sich die Turiner Tourismusexperten auch verstärkt um Österreicher bemühen - viel falsch können sie dabei nicht machen. Denn bis jetzt fallen die Besucher aus dem Nachbarland weder in der Stadt noch in der Statistik weiter auf. (Der Standard | Rondo | Norbert Regitnig-Tillian)

Infos:

www.comune.torino.it

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