Kein Frieden in Kolumbien: Armeeangriff auf Rebellen-Zone

21. Februar 2002, 18:06
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Guerilleros sprachen von Kriegserklärung der Regierung - EU respektiert Entscheidung des kolumbianischen Präsidenten

Bogota/Panama-Stadt/Brüssel - Nach dem Abbruch der Friedensverhandlungen in Kolumbien hat das Militär am Donnerstag mit der Bombardierung von Zielen in der "Sicherheitszone", dem entmilitarisierten Rebellengebiet, im Süden des Landes begonnen. 85 "strategische Ziele" würden angegriffen, teilte die Armee in Bogota mit. Am Vortag hatte Präsident Andre Pastrana die Verhandlungen mit der linksgerichteten FARC-Guerilla für beendet erklärt, nachdem im Süden des Landes eine Passagiermaschine entführt und ein mitreisender Senator verschleppt worden war.

Militär soll Rebellen-Territoriun umgehend besetzen

Die FARC seien nicht friedenswillig und eine terroristische Organisation. Das Militär habe Befehl, das 42.000 Quadratkilometer große Rebellen-Territorium - das entspricht in etwa der Fläche der Schweiz - umgehend zu besetzen. Zuvor hatte die Zeitung "El Tiempo" in ihrer Online-Ausgabe berichtet, die Luftwaffe habe seit Mitternacht (06.00 Uhr MEZ) etwa 200 Einsätze überwiegend zur Aufklärung geflogen. Tausende Soldaten standen bereit, um mit Unterstützung gepanzerter Fahrzeuge und von Hubschraubern in die seit mehr als drei Jahren von den "Revolutionären Streitkräften Kolumbiens" (FARC) gehaltene Zone im Süden des Landes vorzudringen.

Panzer in Bogota

Pastrana forderte die Rebellen auf, unverzüglich das Rückzugsgebiet zu verlassen. Durch Bogota rollten Panzer. Die Guerilleros sprachen von einer neuerlichen Kriegserklärung der Regierung, die zu weiterem Blutvergießen führen werde. Viele Beobachter äußerten die Befürchtung, dass der seit 38 Jahren andauernde Bürgerkrieg in Kolumbien nun in eine noch blutigere Phase treten wird.

Die Entführer hatten eine Maschine der kolumbianischen Fluggesellschaft Aires in ihre Gewalt gebracht, im Süden des Landes zur Landung gezwungen und waren dann mit dem Senator Jorge Gechen Turba geflohen. Der Politiker gehört einer prominenten Familie an, aus der in den vergangenen Jahren einige Mitglieder von Rebellen entführt und ermordet wurden. Die übrigen 29 Passagiere und die Besatzung blieben unverletzt, wie die Fluggesellschaft mitteilte.

Dem Guerillakrieg in Kolumbien fallen jährlich rund 3.500 Menschen zum Opfer. Die Friedensverhandlungen zwischen Regierung und Rebellen waren zuletzt immer wieder ins Stocken geraten. Vor einem Monat war es internationalen Diplomaten noch einmal gelungen, den Friedensprozess zu retten. Die kolumbianische Regierung wird von den USA militärisch unterstützt. Der Kampf gilt vor allem dem Drogenanbau. Die US-Regierung bezeichnet die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (FARC), die größte Guerillaorganisation Südamerikas, als terroristische Vereinigung.

"Friedenslabor" entmilitarisierte Zone

Die entmilitarisierte Zone galt als "Friedenslabor". Präsident Pastrana hatte das Gebiet im Süden des Landes der größten linksgerichteten Guerillagruppe vor drei Jahren überlassen, um den Friedensprozess nach fast 40 Jahren Bürgerkrieg wieder in Gang zu bringen. Seit Einrichtung der Zone feilschten Regierung und Vertreter der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (FARC) dort vergeblich um ein Friedensabkommen. Die Armee zog im November 1998 aus der Region ab. In dem fruchtbaren Gebiet von der Größe der Schweiz leben etwa 100.000 Menschen. Bereits im Jänner hatte die kolumbianische Regierung die FARC aufgefordert, das Gebiet zu verlassen. Seither wartete die Armee auf einen Befehl der Regierung, das Gebiet wieder zu übernehmen.

Panama verstärkt Kontrollen an Grenze zu Kolumbien

Nach den Luftangriffen der kolumbianischen Armee auf das Rebellengebiet im Süden des Landes hat das Nachbarland Panama die Kontrollen an den Grenzen verstärkt. Die panamaische Präsidentin Mireya Moscoso sagte am Donnerstag, sie sei angesichts der Entwicklung in Kolumbien sehr besorgt. Die Truppen entlang der Grenze würden verstärkt und die Krankenhäuser bereiteten sich auf die Ankunft von Verletzten vor. Der Außenminister Venezuelas, Luis Alfonso Davila, rechnete damit, dass sich der Konflikt zwischen Armee und Rebellen in Kolumbien auch auf Venezuela auswirkt. Das Land treffe Vorbereitungen, um Flüchtlinge aus Kolumbien aufzunehmen.

EU-Kommission respektiert Vorgehen Pastranas

Die EU-Kommission erklärte, sie respektiere die Entscheidung des kolumbianischen Präsidenten Andres Pastrana, die Sicherheitszone der Rebellen aufzulösen. Die Kommission unterstütze trotzdem weiterhin eine friedliche Lösung des Konflikts.(APA/AP/dpa)

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