Konfrontation wird immer härter

21. Februar 2002, 19:06
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Erstmals wieder israelische Panzer in Gaza: Fünf Tote - Festnahme von mutmaßlichen palästinensischen Attentätern - Zwei Tote bei Angriff auf israelischen Posten

Gaza - Der Konflikt im Nahen Osten ist nach einem palästinensischen Angriff auf einen israelischen Armeeposten am Dienstag, bei dem sechs Soldaten getötet wurden, in eine neue härtere Phase getreten: Erstmals seit Beginn des palästinensischen Aufstands vor 17 Monaten rückten israelische Bodentruppen am Donnerstag mit Panzern auch in die Stadt Gaza ein und besetzten zwei benachbarte Flüchtlingslager.

Fünf Palästinenser wurden dabei getötet und 35 weitere durch Schüsse verletzt. Fast überall in der 300.000 Einwohner zählenden Stadt waren am Morgen Schüsse zu hören. Aus den Lautsprechern der Moscheen wurde die palästinensische Bevölkerung zum Widerstand aufgerufen. Palästinensische Sicherheitskräfte rückten aus, um sich den israelischen Soldaten entgegen zu stellen.

Zwei Raketen auf das Hauptquartier von Arafat abgefeuert

In einem Vorort von Gaza sprengten israelische Soldaten den Turm einer lokalen Fernsehstation. Nach drei Stunden zogen sich die ersten Soldaten wieder aus Gaza zurück. Im südlichen Gaza-Streifen nahmen Hubschrauber palästinensische Ziele in Rafah ins Visier. Im Westjordanland feuerten israelische Hubschrauber bei Tagesanbruch zwei Raketen auf das Hauptquartier von Palästinenserpräsident Yasser Arafat in Ramallah ab. Berichte über Opfer lagen zunächst nicht vor.

Hauptwache der palästinensischen Polizei zerstört

Im Norden des Westjordanlands beschossen Palästinenser einen Kontrollposten der israelischen Armee. Die Soldaten erwiderten das Feuer und töteten einen Angreifer. Zwei Soldaten wurden bei dem Zwischenfall verwundet. Bei einem weiteren Angriff zerstörten israelische Kampfhubschrauber nach palästinensischen Angaben die Hauptwache der palästinensischen Polizei in Nablus.

Drei mutmaßliche Attentäter verhaftet

Unterdessen gaben die palästinensischen Sicherheitskräfte die Festnahme von drei Männern bekannt, die an der Ermordung des israelischen Tourismusminister Rehavam Seevi im Oktober beteiligt gewesen sein sollen. Israel hatte die Festnahme der Täter zur Bedingung für die Aufhebung des gegen Arafat verhängten Reiseverbots gemacht. Der palästinensische Geheimdienstchef von Nablus, Talal Dweikat, erklärte, der Haftbefehl sei direkt von Arafat gekommen.

Arafat steht seit Dezember faktisch unter Hausarrest. Raanan Gissin, ein Berater des israelischen Ministerpräsidenten Ariel Sharon, erklärte, Arafats Reiseverbot werde erst dann aufgehoben, wenn alle Tatverdächtigen verhaftet und vor Gericht gestellt würden. Zur Ermordung Seevis hatte sich die radikale Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) bekannt. Unter israelischem Druck ließ Arafat deren Anführer Ahmed Saadat im Jänner festnehmen. Die drei nunmehr Festgenommenen - Ahmed Abu Gholmi, Basel Asmar und Hamdi Koran - befanden sich bisher auf freiem Fuß. Abu Gholmi ist der Chef des militärischen Flügels der PFLP im Westjordanland, er soll das Attentat auf den Minister geplant haben. Asmar und Koran werden beschuldigt, die Morde ausgeführt zu haben.

Am Freitag beginnt das islamische Opferfest, eines der größten Feste des Islam. Nach palästinensischen Beobachtern würde es als schwere Demütigung ausgelegt, wenn Arafat an diesem Tag sein Hauptquartier nicht verlassen und zum Freitagsgebet in eine Moschee gehen könnte.

Fernsehansprache von Sharon am Abend erwartet

Der israelische Ministerpräsident Ariel Sharon wollte sich am Abend in einer Fernsehansprache an die Israelis wenden. Dabei wolle er betonen, dass sich Israel "im Krieg gegen Terroristen" befinde, die keine politischen Erfolge erzielen dürften, sagte der israelische Kommunikationsminister Reuven Rivlin im Militärrundfunk. Zugleich wolle Sharon bekräftigen, dass er nicht die Absicht habe, das Westjordanland zu besetzen.

"Teufelskreis der Rache

Der ägyptische Präsident Husni Mubarak hat in einem Telefongespräch mit dem israelischen Ministerpräsidenten Sharon ein Ende der "Racheakte" gefordert. Der "Teufelskreis der Rache zwischen Israelis und Palästinensern" müsse endlich ein Ende finden, sagte Mubarak am Donnerstag nach Angaben der ägyptischen Nachrichtenagentur MENA.

Russland hat die zunehmende Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern verurteilt. Das Außenministerium in Moskau appellierte an beide Seiten, die politischen Ziele ohne Waffengewalt zu verfolgen. "Je mehr Blutvergießen es gibt, desto schwieriger wird es, die Situation zu entschärfen und die Friedensverhandlungen wieder in Gang zu setzen", hieß es in der am Mittwoch veröffentlichten Erklärung. Russland ist neben den USA Vermittler im Nahost-Friedensprozess, hat aber nie eine so aktive Rolle gespielt wie die Vereinigten Staaten.

UN-Sicherheitsrat tagt hinter verschlossenen Türen

Auf Drängen arabischer Staaten hat der Weltsicherheitsrat am Donnerstag Konsultationen hinter verschlossenen Türen über die Eskalation der Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern angesetzt. Ob es noch am selben Tag oder später auch zu einer öffentlichen Debatte kommen würde, war zunächst nicht absehbar. Unterstützt von den Mitgliedstaaten der Arabischen Liga verlangen die Palästinenser von dem höchsten UNO-Entscheidungsgremium eine Verurteilung der israelischen Angriffe auf Ziele in Palästinensergebieten. Sie beharren zudem auf ihrer Forderung nach Entsendung einer internationalen Beobachtergruppe, wie arabische Diplomaten in New York erklärten. Bislang war dies maßgeblich von den USA blockiert worden.(APA/dpa/ag.)

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