"Ich sehe die Bedrohung auch aus uns selbst"

21. Februar 2002, 10:39
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Warum sich die Wiener Kinderärztin Sabine Oberhauser für das Volksbegehren "Sozialstaat" engagiert

Wien - Kinderärztin Sabine Oberhauser, (freigestellte) Sprecherin der ARGE ÄrztInnen im ÖGB und sozialdemokratische Ärztevertreterin, erklärt im STANDARD-Gespräch ihr Engagement für das Sozialstaatsvolksbegehren.

STANDARD: Warum engagieren Sie sich für das Sozialstaatsvolksbegehren?

Oberhauser: Ich habe mir, seit diese Regierung an der Macht ist, überlegt, dass man irgendetwas starten müsste, mit dem man darauf hinweist, dass das, was unsere Großeltern mühsam aufgebaut haben, schön langsam ruiniert wird. Mir war klar, das kann nicht von einer politischen Partei kommen, das muss von den Leuten kommen.

STANDARD: Warum brauchen wir ein "Rettungskommando" für den Sozialstaat?

Oberhauser: Erstens sehe ich die Bedrohung aus uns selbst. Der Sozialstaat ist uns sehr selbstverständlich geworden. Für meine Generation ist Sozialstaat wahrscheinlich mit Sozialhilfe verbunden und nicht mit den Leistungen, die es wirklich gibt - etwa freier Zugang zu den Spitalsambulanzen. Das sind Sachen, die für uns so selbstverständlich sind wie der Strom aus der Steckdose. Auch frühere Regierungen haben es nicht geschafft, zu vermitteln, was das für eine Errungenschaft ist.

STANDARD: Haben Sie Erfahrungen gemacht, wo Sie den Sozialstaat in Gefahr sahen?

Oberhauser: Die erschreckendste Erfahrung am Beginn der Einführung der Ambulanzgebühr war sicher die, dass eine Mutter mit ihrem Kind umgedreht ist in der Ambulanz. Das ist zwar gut ausgegangen, weil sie wiederkam, das kann aber auch in die Hose gehen.

STANDARD: Besteht nicht die Gefahr, dass die Formel in der Verfassung inhaltsleer bleibt?

Oberhauser: Na klar ist die Gefahr, dass es ein Lippenbekenntnis ist. Nur gehe ich davon aus, dass die Leute, die unterschreiben, es dann auch einfordern und die Politik das nicht übergehen kann.

STANDARD: Wie viele Unterschriften erwarten Sie?

Oberhauser: Wünschen würde ich mir die Million, aber es wird extrem schwer. Ich hoffe, dass uns die Leute nicht enttäuschen. Denn man hat uns viele Prügel in den Weg gelegt. Lisa Nimmervoll - DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 21.2.2002

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