Josep Piqué: Spaniens vorlaute "Stimme seines Herrn"

20. Februar 2002, 20:32
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Dass die EU entschlossen ist, die "heißen" Eisen der Weltpolitik selbstständig anzugreifen und auch einmal frontal gegen US-Interessen aufzutreten, ist spätestens seit dem informellen Treffen der EU-Außenminister in Cáceres bekannt. Vor allem der turnusmäßige Ratsvorsitzende gibt in der EU dabei die dissonante Stimme im bisher einmütigen Chor. Zuletzt musste sich sogar EU-Koordinator Javier Solana kalmierend vor den spanischen Außenminister Josep Piqué i Camps stellen, um nach groben Tönen aus Washington das Recht auf "produktive Kritik unter Partnern" einzumahnen.

Solcherart für Schlagzeilen sorgte der 46-Jährige, seit Mai 2000 Chef im Madrider Außenamt und dort nicht unbedingt als diplomatischer Querkopf bekannt, nicht immer. Im Gegenteil, wurde doch seine Bestellung als Zeichen eines wachsenden Interesses von Premierminister Aznar gewertet, selbst verstärkt in die Außen- und Europapolitik einzugreifen.

Der Katalane, der zum Ende der Franco-Diktatur noch für die verbotene kommunistische Partei agitiert hatte, empfahl sich durch harte Arbeit und Loyalität für den höchsten diplomatischen Posten. Neben dem Industrieressort hatte er in der ersten Legislaturperiode unter Mentor Aznar das Amt des Regierungssprechers bekleidet - seine als Radiomoderator während der Studienzeit erworbenen Fähigkeiten im Umgang mit Mikrofonen half ihm dabei.

Das Vorurteil, als "Stimme seines Herrn" aufzutreten und ausschließlich im Auftrag Aznars zu handeln, hängt Piqué bis heute nach. Dass er sich bei der Begrüßung von Staatsoberhäuptern tief - vielleicht auch zu oft - verbeugt, wird von TV-Humoristen weidlich ausgeschlachtet.

Der Vater dreier Söhne, der erst kürzlich der Volkspartei (PP) Aznars beitrat, hat beim letzten Parteikongress Ende Jänner ein Grundsatzpapier der PP zum "Verfassungspatriotismus" vorgelegt: Die "absolut moderne und zeitgemäße Form des Nationalismus orientiert sich einzig an der geltenden Verfassung", versicherte der zum Konservativismus bekehrte Katalane.

Im Enthusiasmus, mit dem die spanische Regierung ihre EU-Präsidentschaft angetreten hat, ist eine für Piqué unangenehme Affäre in Vergessenheit geraten. Als Generalmanager für Unternehmensstrategie war er vor seiner kometenhaften Politkarriere im Chemie-Riesen Ercros tätig. Beim Verkauf einer Tochterfirma an den französischen Elf-Konzern sollen Schmiergelder geflossen sein, in den Bilanzen fehlten 40 Mio. Euro.

Während das Verfahren gegen andere Vorstandsmitglieder noch läuft, wurden die Ermittlungen gegen den früheren Professor für Wirtschaftstheorie an der Universität Barcelona rechtzeitig vor Übernahme der EU-Ratspräsi- dentschaft eingestellt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 21.2.2002)

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