Marketing für Minimalaufwand

20. Februar 2002, 20:08
1 Posting

Morak "gegen Gewalt", Mailath für "Diskurs": So verkauft man Einfallslosigkeit

Von Claus Philipp

Ein Kulturstadtrat auf Diskurssuche

Wien - Dialog. Diskussion. Demokratie. Eine Initiative von Stadtrat Dr. Mailath-Pokorny. Pressemappen mit dieser viel versprechenden Titelzeile schmückten am Mittwoch eine Präsentation von diversen Projekten in Wien, von denen sich der Kulturstadtrat Beiträge zu einem "offenen Diskurs", dessen Abwesenheit in Österreich er "bedauerlich" findet.

Erfreulicherweise waren sämtliche Projekte schon lange vor der "Initiative" Mailath-Pokornys in Planung: Die im Volkstheater stattfindenden Matineen mit Slavoj Zizek, Jean Baudrillard und Alexander Kluge ebenso wie die Präsentation der neuen Wehrmachtsausstellung in der Akademie der bildenden Künste. Das "Demokratiezentrum" im Internet hat seine Arbeit längst aufgenommen. Und die Ausstellung Body Count, die im Mai in der Kunsthalle das Verhältnis von "Kunst und Krieg in Zeiten der Medien" vorbereitet, würde auch ohne stadträtliche Initiative stattfinden.

Mailath-Pokorny konnte und wollte keine Zahlen darüber nennen, wie hoch Dialog. Diskussion. Demokratie. budgetiert wird: "Viele Veranstalter subventionieren wir ja sowieso."


Marketing für Minimalaufwand
Morak "gegen Gewalt", Mailath für "Diskurs": So verkauft man Einfallslosigkeit
KOMMENTAR

Zumindest unter Intellektuellen und Künstlern hat es sich mittlerweile herumgesprochen, dass der Handlungsspielraum heimischer Kulturpolitiker äußerst beschränkt ist. Und für alle Bürger wird unübersehbar: Weltanschauliche Impulse sind aus den Kanzleien der Kunstbuchhalter dieses Landes kaum noch zu erwarten.

Der Grund dafür: klassische Überforderung. Sparbudgets einerseits, viel aufwändige Administrations- und Repräsentationsarbeit andererseits. Dazwischen bleibt wenig Zeit, wirklich gestalterisch, geschweige denn denkend und lenkend tätig zu werden oder in Zeiten der Unübersichtlichkeit halbwegs Überblick zu gewinnen: Was steht an? Und wenn hier und da und dort tatsächlich Handlungsbedarf herrscht: Die wahren Reformen bedürfen langfristiger, geduldiger Arbeit.

Trotzdem: Irgendwo gilt es Profil zu gewinnen, irgendwann einmal wird ja auch wieder gewählt. Also sucht man nach griffigen Themen, die schnell aufgeblasen und dann ebenso schnell vielleicht auch wieder abgehakt werden können. Möglichst unaufwändig. Möglichst effizient. Die Ideenentwicklung dafür wird dann gerne an Agenturen ausgelagert: Hauptsache, die Vermarktung passt. Und man ist nachher als Politiker mit auf dem Foto für die Aussendungen an die Medien.

Franz Morak, der VP-Kunststaatssekretär, etwa verkündete kürzlich mit einigem inszenatorischem Aufwand bestenfalls eine Fußnote im heimischen Kulturgeschehen:

Er präsentierte sich als Initiator einer Plattform unter dem glorios plärrenden, aber ideengeschichtlich höchst fragwürdigen Slogan Kunst gegen Gewalt - wobei sich, wenn da schon die Deutsche Bank als Sponsor auftrat, die Frage stellte: Warum machen nicht auch heimische Geldinstitute mit? Morak würde die notwendigen Bundesmittel für sinnvolle Ausgaben sparen, und der Slogan Geld gegen Gewalt wäre zwar widersprüchlich, aber interessanter. Jedenfalls sind jetzt hoffentlich zumindest all jene Künstler und Kuratoren gegen Gewalt, die man für ein Familienfoto mit Morak vor ein schickes Logo gezwungen hat.

Andreas Mailath-Pokorny, der Wiener SP-Kulturstadtrat, wiederum geriet durch diese überfallsartige Aktion des Staatssekretärs unter Zugzwang - erst recht, nachdem er zuletzt in Sachen Josefstadt und City Cinemas ziemlich unglückliche Figur gemacht hat. Jetzt verfahren er und seine Berater raffinierter: Dialog. Diskurs. Demokratie nennt sich eine in der Logo-Unterzeile höchst bescheiden ausgeschilderte Initiative von Stadtrat Dr. Mailath-Pokorny, aus der eigentlich nur eines flehentlich um Anerkennung buhlt: Seht, dass ich, wenn schon nicht aktiv, so zumindest "initiativ" bin!

Alle Projekte nämlich, die Mailath-Pokorny da als Schirmherr für sich verbucht, verdanken sich der gedanklichen und organisatorischen Vorarbeit anderer. Zum Beispiel die Präsentation der neuen Wehrmachtsausstellung, von der die Akademie der bildenden Künste den Stadtrat zuerst händeringend überzeugen musste: Jetzt aber, wo sie im Rahmen seiner "Initiative" vermarktet wird, hat er keine Bedenken mehr.

Ach ja, er hat nach einigem Grübeln darauf bestanden, dass rund um die Ausstellung mehr "offener Gedankenaustausch und Dialog" zustande kommen. Es sollen zum Beispiel Schüler "Zeitzeugen in Pensionistenwohnheimen" besuchen. Man weiß: In Deutschland war das nicht notwendig. Aber Wien ist anders. Und unsere Politiker, in aller Bescheidenheit ...

Auch hier steht ein Alternativtitel im Raum: Mailath. Marketing. Minimalaufwand. Der offene, ja "weltoffene Diskurs", den der Stadtrat am Mittwoch wiederholt beschwor - er sollte jetzt mit der Frage beginnen, welche Dialoge sich eine auf Slogans und Quoten konzentrierte Kulturpolitik wirklich leisten will. Und ob es wirklich etwas mit Demokratie zu tun hat, wenn ein Politiker seine limitierten Ressourcen damit kaschiert, dass er die Aktivitäten anderer nur fördert, wenn sie ihm die "Initiative" überlassen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. 2. 2002)

Share if you care.