Tragödie der gebrochenen Versprechen

21. Februar 2002, 08:44
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Der Kaschmir-Konflikt hat im Jänner mit 243 mehr Todesopfer gefordert als die Intifada

Wir wollen etwas sehen", donnert der indische Vizeaußenminister Omar Abdullah im Gespräch mit dem STANDARD: Es ist die Forderung an Pakistans Militärmachthaber Pervez Musharraf, der im Jänner angesichts von Kriegsdrohungen nach dem Überfall auf das indische Parlament versprach, seine Islamisten besser im Zaum zu halten. Folgende Meldung von Mittwoch dürfte in Delhi vorsichtige Freude auslösen: Pakistan habe mit der Auflösung von zwei Militärdienstabteilungen begonnen, die für die Kontakte zu Militanten in Afghanistan und Kaschmir zuständig waren. Der Preis für die - in Indien mit Naserümpfen - betrachtete Freundlichkeit, die Musharraf zuletzt in Washington widerfuhr?

In Kaschmir lässt sich an der Opferstatistik noch keine Beruhigung des Aufstands, der laut Delhi nur von Extremisten aus Pakistan am Leben erhalten wird, ablesen. Zwölf Tote am Dienstag, die meisten von der indischen Armee bei Feuergefechten erschossene Militante, sowohl Mitglieder pakistanischer Gruppen - über die Waffenstillstandslinie eingesickert - als auch der im indischen Kaschmir ansässigen Hizbulmudjahedin. Bei den Zahlen, wie viele Tote der Konflikt bis jetzt gefordert hat, weichen die indischen - 35.000 - und die der kaschmirischen Separatisten - über 70.000 - beträchtlich voneinander ab.

Wahlkarussell

Letztere Ziffer wird von der Hurriyat genannt, einem Konglomerat aus über zwanzig separatistischen Gruppen, die laut indischem Vorwurf allesamt von Pakistan finanziert und gesteuert werden. Sie wird, wie schon früher, auch die nächsten Wahlen im Herbst im indischen Staat Jammu & Kaschmir - für die Delhi absolute Fairness versprochen hat, aber keine UNO-Beobachter zulassen will - boykottieren. Für Minister Abdullah, der als Nachfolger seines Vaters als kaschmirischer Chefminister und Chef der in J&K regierenden Nationalkonferenz (NC) gilt, "schade, aber unvermeidlich". Es sei eben leichter, sich selbst als Repräsentant der Kaschmiris zu bezeichnen und den Test zu verweigern.

Die Hurriyat will den Vorwurf nicht auf sich sitzen lassen und allkaschmirische - also auch im pakistanischen Kaschmir (PoK, Pakistan occupied Kashmir, oder Azad Kaschmir, Freies Kaschmir: je nach Standort) - Parteienwahlen veranstalten.

Spricht man mit den Leuten auf der Straße, so findet man durchaus Sympathie für die Hurriyat, von anderer Seite hagelt es massive Vorwürfe: Kriegsgewinnler, die jahrelang brav mit Indien kooperierten, dann ihre Ämter verloren und deshalb zum Djihad aufriefen, sich selbst aber dabei nicht die Hände schmutzig machen würden, seien sie allesamt, sagt der Chefredakteur des regierungsfreundlichen Daily Excelsior in Jammu, S. D. Rohmetra. Den Vorwurf der Bereicherung hört man mehr als einmal, Hashim Qureshi (Artikel rechts unten), der selbst einmal dazugehörte, beschuldigt die Hurriyat, nicht einmal die aus Pakistan kommenden Gelder für Bedürftige im Kaschmir-Tal weiterzureichen, sondern einzustecken.

Überhaupt sind die Grenzen zwischen politischem Terrorismus und ganz normaler Kriminalität - wie in so vielen ähnlichen Konflikten - fließend: Da wird schon einmal auf eigene Rechnung entführt und erpresst und Schutzgeld kassiert. Auch die indische Armee hat unter dem Vorwurf zu leiden, es gibt "ein gewisses Element von Korruption bei der Freilassung von Festgenommenen", formuliert es ein Journalist der Kashmir Times.

Die Armee: Auf den ersten Blick scheint es in Srinagar und Umgebung mehr Soldaten als Einwohner zu geben, an der Gebirgsgrenze zu Pakistan sitzen sie, unterbezahlt und demoralisiert, oft Südinder, die an den besonders im Winter schwierigen Verhältnissen zerbrechen - oder während des Kleinkriegs gegen die Militanten ihre Aggressionen auch an der Zivilbevölkerung abreagieren.

Überall Soldaten

Für kritische Inder ist die Rolle des Militärs in J&K angesichts der Spannungen mit Pakistan verständlich, aber unbehaglich: Zum Stolz auf den säkularistischen demokratischen Vielvölkerstaat Indien gehört auch die Tatsache, dass es seit Gründung - und ganz anders als in Pakistan - immer gelang, die Armee im Hintergrund zu halten.

Eine "Tragödie der gebrochenen Versprechen" hat Chefminister Faruq Abdullah den Kaschmir-Konflikt einmal genannt; das Gefühl, von Delhi schlecht behandelt worden zu sein, politisch und materiell, haben sich dann Extremisten zunutze gemacht, die den Kaschmiris alles bringen werden, nur nicht die Freiheit. Es gibt aber Hinweise darauf, dass sich diese Erkenntnis langsam durchsetzt: Ausgerechnet Hurriyat-Vorsitzender Abdul Ghani Bhat streut im Gespräch dem indischen Ministerpräsidenten Atal Behari Vajpayee Rosen: Wenn es die rechten Falken in Delhi zulassen, werde er den Konflikt lösen, jedenfalls habe er das Zeug dazu. Aber bei Verhandlungen zwischen Pakistan und Indien sollten auch die Kaschmiris Partei sein - und davon will Delhi nichts wissen. (DER STANDARD, Print vom 21.2.2002)

An der Grenze stehen sich die Armeen zweier Atommächte - Indien und Pakistan - gegenüber. Von Gudrun Harrer.
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