Eine kleine Geschichte der Fotografie

20. Februar 2002, 17:59
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Neuer Schwerpunkt in der Sammlung Essl

Von Markus Mittringer

Foto: Tracey Moffatt/ Courtesy L.A. Galerie/Frankfurt Tracey Moffat:
Guapa #1 (1995)

sammlung-
essl.at
Bis 30. 6.

Klosterneuburg - Im Grunde hatte Fotografie seit jeher ihren Platz in der Sammlung Essl: Dokumentarfotos des Wiener Aktionismus fanden sich ebenso selbstverständlich wie Gottfried Helnweins fotorealistische Gemälde. Marie Jo Lafontaine konfrontierte in ihren Arbeiten Fotografie mit monochromen Farbflächen, Gerhard Richter, Sigmar Polke und Günter Förg bezogen sich mehr oder weniger direkt auf das Medium. Sean Scully fotografiert architektonische Strukturen, die sich abgewandelt in seinen Malereien wieder finden. Alfons Schillings Experimente mit der Wahrnehmung führten ihn Anfangs der 70er-Jahre zur Linsenrasterfotografie, die dreidimensionale Effekte bewirkt. Der Malerei-Sammler Essl hatte die Befragung seines Lieblingsmediums gleich mit ins Haus geholt.

Er begann aber erst zu Anfang der 90er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts konsequent damit, auch Fotografie zu sammeln, die nicht unbedingt das Wesen des Gemalten thematisiert: Judy Dater zunächst, später Nan Goldin.

Je mehr Karlheinz Essl, so scheint es, sein Sammeln öffentlich, sein Archiv zum Museum, machte, desto mehr auch wollte er alles abdecken, sämtliche der längst "gleichwertigen" Medien unter seinem Dach versammeln. Gabriele Bönsch, Chefkuratorin des Hauses in Klosterneuburg, hat daraus nun die Schau Augenblick-Foto/Kunst in der Sammlung Essl zusammengestellt. Und es bedurfte, der Haustradition folgend, nur weniger Leihgaben, um ihr solid didaktisches Konzept zu stützen. Sie hat erneut den Kontext der Malerei gewählt, ein paar Jahrzehnte Diskurs über die Hintertreppe nachzustellen.

Vanessa Beecrofts Schöne finden da neben Nan Goldins Gezeichneten und Shirin Neshats Überzeugten Platz, Cindy Sherman schlüpft wieder einmal in viele bekannte Rollen (-klischees), Birgit Jürgensen betrachtet sich im Zerrspiegel.

Und wo Bernd und Hilla Becher ihre "Objektfamilien" zeigen, dürfen auch deren Schüler Thomas Struth und Thomas Ruff nicht fehlen. Zählen die Bechers noch zu den historischen Figuren des Autonomiekampfes der Fotografie, so haben Struth und Ruff dann endgültig den Kunstmarkt und damit die Auktionshäuser erobert. Womit dann auch der Bildbegriff selbst breitester Massen nicht wirklich mehr weiter dehnbar war. Malerei, Fotografie, Video, Digiprint, egal, die Medien selbst hatten als Anker für Qualitätskriterien ausgedient.

Lois Renner wird ab 26. 4. im Rahmen einer Personale den endlosen Diskurs um Fotografie und Malerei dann wieder auf den Geburtsort der Arbeiten zurückführen - ins Studio, ins Atelier. Renner inszeniert ein komplexes Verwirrspiel um die Methoden und Bedingungen der Malerei - als Fotografie.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. 2. 2002)

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