Die Mütter von Zion

20. Februar 2002, 17:24
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Mormoninnen in Salt Lake City reden über das Patriarchat, die Polygamie und kalten Kaffee - Teil I

Im Februar begannen die Olympischen Winterspiele in Salt Lake City im amerikanischen Bundesstaat Utah. Damit rückt eine Stadt ins internationale Scheinwerferlicht, die der Aussenwelt gegenüber als verschlossen gilt. Denn Salt Lake City ist nicht nur der Eingang zum Skiparadies Utah; Salt Lake City ist Zion, die irdische Verkörperung eines himmlischen Ideals. Dieser Himmel ist allein den Auserwählten vorbehalten: den Mitgliedern der "Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage", besser bekannt als Mormonen.

Offiziell gehören rund 70 Prozent der Stadtbevölkerung zu den "Latter Day Saints" (LDS). Salt Lake City gilt damit als relativ multikulturell, im Vergleich zu den erzkonservativen Städten Orem und Provo, Sitz der Mormonen-Hochschule Brigham Young University.

Weltweit zählt die Kirche rund 11 Millionen Mitglieder - Tendenz wachsend. Das Vermögen von "LDS Corporation" wird vom Time Magazin auf mindestens 30 Milliarden US-Dollar geschätzt. Gordon B. Hinckley, der 91-jährige Präsident und Prophet der Kirche, gilt als der mächtigste Mann in Utah. Senator Orrin Hatch, Präsidentschaftskandidat und führendes Mitglied der republikanischen Partei, ist nur einer unter hunderten von einflussreichen Mormonen in der Politik und in den Verwaltungsräten amerikanischer Grossfirmen.

Die LDS-Kirche wird oft mit dem Vatikan verglichen: Mächtig, hermetisch, ausschließlich Männern vorbehalten. Frauen sind in der LDS-Kirchenleitung nicht vertreten. Ihr Einfluss beschränkt sich auf die Frauenhilfsvereinigung, immerhin eine der größten Frauenorganisationen der Welt, aber ohne offizielle Machtstellung innerhalb der Kirchenstruktur. Die Kirchenväter betonen, Frauen seien Männern gleichgestellt, aber doch "für eine andere Rolle bestimmt". "Durch göttliche Fügung" stehe der Mann der Familie (und dem Staat) vor. Die Frau finde ihre höchste Erfüllung als Mutter.

"In Wirklichkeit sind es die Frauen, die den Laden schmeißen"

Meine Freundin Dianna bezeichnet sich als "typische" Mormonin. Sie hat drei Söhne, hilft ihrem Mann im Geschäft und hat nebenbei noch einen Teilzeitjob. Sie bezeichnet sich als konservativ ("Ich bin so rechtslastig, wäre ich nicht Linkshänderin, könnte ich nicht geradeaus laufen"). Ich kenne sie als warmherzig, witzig und weltoffen. Sie ist in Kalifornien aufgewachsen, wo wir uns kennenlernten. Vor sieben Jahren zog sie mit ihrer Familie nach Salt Lake City. Jetzt sehen wir uns zum ersten Mal wieder, am Flughafen von Salt Lake City.

Es ist ein klarer Spätherbsttag, bereits liegt eine Spur Schnee auf der Wasatch-Bergkette im Osten der Stadt. Dianna und ihre Freundin Carmia fahren uns direkt zum Tempelplatz, dem Zentrum von Salt Lake City und dem Ort, um den sich hier buchstäblich alles dreht. Die Straßenadressen von Salt Lake City sind Koordinaten, die sich am Tempel orientieren. " 400 South 100 West" bedeutet vier Straßenblocks südlich und einen Block westlich vom Tempel. Was für BesucherInnen verwirrend ist, ist für AnwohnerInnen praktisch. Man weiß immer genau, wo man steht - im Bezug auf den Tempel.

Point Zero

Der Nullpunkt dieses Systems, der Tempel selber ist ein imposanter, mit freimaurerischen Symbolen und dem goldenen Engel Moroni geschmückter Bau. Hier versammeln sich Touristen und Mormonen aus aller Welt, und in diesen heiligen Hallen zu heiraten ist der Traum junger LDS-Frauen. Eben schreitet eine weißgekleidete Braut mit ihrem Angetrauten aus dem Portal, die Kameras klicken. Ein weiteres Paar erscheint Minuten später, klick, klick, der Vorgang wiederholt sich mehrmals, bis ein halbes Dutzend weiße Bräute zwischen schwarzgekleideten Familienmitgliedern auf dem Vorplatz stehen. Bis zu 14 Ehen können im Tempel in separaten Räumen gleichzeitig nach dem mormonischen Brauch "besiegelt" werden. Die Einzelheiten des Rituals, einst streng geheim, kann heute jede/r Interessierte/r im Internet nachlesen

Die Religion der Mormonen wurde vom Propheten Joseph Smith gegründet, dessen Aufzeichnung des Buches Mormon das theologische Fundament der Kirche legten. Die Geschichte Utahs jedoch schrieb sein Freund Brigham Young. Ohne Young und sein pragmatisches Genie wären die Mormonen als eigentümliche Sekte in Illinois stecken geblieben. Es war Young, der die Mormonen in den Jahren 1846-48 hierher ins "gelobte Land" führte. Die meisten kamen zu Fuß. Im Museum beim Tempelplatz kann man sich die Schubkarren ansehen, mit denen die armen Pilger und Pilgerinnen ihr Hab und Gut hunderte von Meilen über die Prärie karrten. Unsere Bewunderung für die Tapferkeit der Pionierfrauen ist groß; meine Begeisterung für Brigham Young hält sich in Grenzen.

100 South 100 West

Südwestlich des Tempelplatzes steht ein Hotel mit einem Coffeeshop. Der Kaffeegenuss ist den Mormonen untersagt, nach dem so genannten "Wort der Weisheit", einem 1833 von Joseph Smith eingeführten Verbot gewisser Substanzen, heute interpretiert als Kaffee, Tee, Tabak, Alkohol und andere Drogen. Während wir Ungläubigen Kaffee trinken, bestellen Carmia und Dianna Diet Coke. Mit Koffein. Ob das nicht auch verboten sei? Zu Zeiten des Joseph Smith habe es eben keine Cola gegeben, und was nicht verboten sei, sei sicher erlaubt, wird mir augenzwinkernd Bescheid gegeben. Mark, mein Fotograf schielt auf Diannas Schokoladenbiscuit. Schokolade ist erlaubt? "Joseph Smith versuchte, seiner Frau Emma die Schokolade zu verbieten", erklärt Dianna, ohne die Miene zu verziehen, "und sie kriegte einen Anfall".

"Du musst deinen Leserinnen erklären, dass es in Wirklichkeit die Frauen sind, die daheim regieren", betont Carmia. "Ja, wir sind echte Drachen", bestätigt Dianna, während sie Mark die Hälfte ihres Biscuits auf den Teller legt.

Lesen Sie das nächste Mal: "Die größte Bedrohung für die Kirche sind Feministinnen, Homosexuelle und die sogenannten Gelehrten"

von Sarah Paris

Die Autorin lebt als freie Journalistin in San Francisco. Ihr Text über die milliardenschwere und männerdominierte Kirche der Mormonen, die ihr Zentrum in Salt Lake City hat, wird in mehreren Teilen auf dieStandard.at veröffentlicht.

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