Alte Missverständnisse

19. Februar 2002, 19:46
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Die Unterschied zwischen Nato und USA könnten größer nicht sein - Ein Kommentar von Christoph Winder

John Kornblum, ehemaliger Botschafter der USA in Deutschland und ein überzeugter "Atlantiker", hat vor einigen Jahren im Gespräch mit dieser Zeitung sarkastisch bemerkt, dass er mit Publikationen, die das baldige Ende der Nato vorhersagen, Bibliotheken füllen könnte. Der Topos von der angeblichen Widersprüchlichkeit oder gar Unvereinbarkeit europäischer und amerikanischer Sicherheitsinteressen erhält in diesen Tagen viel neue Nahrung. Wenn man die Unfreundlichkeiten, die zwischen Washington und verschiedenen europäischen Hauptstädten hin- und hergeschickt werden, im Detail besieht, könnte man zur Überzeugung kommen, dass die transatlantische Achse einer kräftigen Belastungsprobe ausgesetzt ist.

Offenbar ist nun auch einigen politisch Verantwortlichen klar geworden, dass Gefahr im Verzug ist. EU-"Außenminister" Javier Solana hat am Dienstag in Brüssel seinen französischen "Kollegen" Hubert Védrine, der den Amerikanern eine simplizistische Weltsicht vorgeworfen hat, zu verbaler Mäßigung aufgefordert, während sich umgekehrt US-Präsident Bush in Südkorea jeden Hinweis auf die ominöse Achse des Bösen verkniff.

Wie so oft schwingen auch bei den momentanen Umstimmigkeiten traditionelle Missverständnisse mit. Viele Europäer stoßen sich an der religiös unterfütterten US-Rhetorik, ohne zu bedenken, dass die Rede vom Guten und Bösen auch stark für den amerikanischen Hausgebrauch bestimmt ist. Daraus wird dann der unzutreffende Schluss gezogen, dass anstelle kühler militärischer Planer nur mehr eifernde Kreuzritter am Werke seien. Umgekehrt haben die Amerikaner mit der Versuchung einer aus militärischer Überlegenheit geborenen Selbstherrlichkeit zu kämpfen. Zwischen Europa und Amerika ist jedenfalls verstärkter Kommunikations- und Klärungsbedarf gegeben. Ein irrationales Hochschaukeln transatlantischer Konflikte wäre das Beste, was Bin Laden und Konsorten passieren könnte.

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