Aller Anfang ist Meister Peri

19. Februar 2002, 21:10
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"Euridice"-Show an der Kammeroper

Wien - Gäbe es Gerechtigkeit auf dieser Welt, die Herren Holender, Ruzicka, Mortier und Co müssten einmal jährlich über diverse Alpenpässe gen Süden pilgern und ein Kerzchen anzünden für Zazzarino, den "Zottelkopf": Dieser, also Jacopo Peri, verfasste nämlich vor gut 400 Jahren in Florenz das erste "dramma per musica" (Dafne) und tat somit nichts weniger, als die Gattung Oper ins Leben zu rufen.

Klar: Wenn nicht Peri, dann hätte es halt ein anderer getan; wie immer bei großen Dingen war es die Zeit, die unmissverständlich nach Neuem verlangte. Zu verquast, zu verschwurbelt erschienen sie mit einem Mal, die mehrstimmigen, polyrhythmischen Meisterwerke di Lassos oder Palestrinas, ungeeignet, den überquellenden Leidenschaften der anbrechenden Barockzeit Ausdruck zu verleihen.

Eine nette Melodie, ein paar raffiniert gesetzte Akkorde dazu: Das traf die Sache einfach besser auf den Punkt. Das kam an. Angekommen, und zwar gut, ist dann auch Kerstin Maria Pöhlers Euridice-Inszenierung, getragen von soliden Sängerleistungen sowie einer formidablen Ausstattung. Frank Fellmann zeichnet für diese verantwortlich, er bastelte etwa eine schnieke Festtafel, die sich im Tischtuchwegziehen in einen Steg in die (nett gothamcityge) Unterwelt verwandeln ließ.

Und er entwarf darüber hinaus auch noch die schönsten, genauer: verrücktesten und poetischsten Kostüme ever. Die Teufelchen ließ er etwa beige Omaunterwäsche über bonbonfarbenen Zottelhosen tragen, Proserpina und Pluto staken in schwarz glänzenden Stepproben, bei den Damen erhöhte viel Semitransparentes den Sinnlichkeitsfaktor, und Euridice wähnte man von Pierre & Gilles höchstpersönlich ausstaffiert.

Bernhard Klebel leitete die von ihm selbst klug eingerichtete Peri-Zweitoper mit Umsicht und Feingefühl, die Sänger kamen ihrer Profession wie folgt nach: Claudia Iten (Eurydike) klar, Hubert Wild (Orpheus) samtig, sanft, jedoch etwas konsonantenscheu und leicht pressend, Andries Cloete (Amintas) glänzend, fest und mit gewinnender Freundlichkeit.

Ulrike Dorners Proserpina ist als äußerst intensiv zu beschreiben, mit betörender Leichtigkeit beeindruckte Tanja Donath (Daphne). So war das.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. 2. 2002)

Von
Stephan Ender


Bis 26. März
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