Der "Vögel"-Fänger war er ja

19. Februar 2002, 20:14
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Vom Fall einer Aktie: Wie Regisseur Georg Staudacher am Comeback arbeitet

Wien - Junge Regisseure sind hochverzinsliche Wertpapiere: Man malt sich auf ihnen die Zukunft des Theaters wunderbunt aus. Doch in den Direktionsetagen verspricht man sich natürlich schon vorher Dividende: Für den künftigen Ertrag haben Talente eine Vorleistung zu erbringen.

Regisseure wie Georg Staudacher haben einen Auftrag zu erfüllen: Sie berücken und entzücken mit Arbeiten, von denen man insgeheim hofft, dass ihr Bestes - das Wahrhaftigste, Aufwühlendste, Schönste, was auf den schwerfälligen Großbühnen überhaupt kunstmöglich ist - dereinst noch kommen möge. Sie haben, unter dem sanft anleitenden Druck der einander misstrauisch beargwöhnenden Intendanten, Arbeiten abzuliefern, die man mit dem Attribut "begabt" belegen kann - wenn sie schon sonst nichts erhellen als den Anspruch ihrer Urheber, dereinst "erfolgreich" werden zu wollen.

Konkurrenz-Technik

Denn erst in der Sphäre des Spürsinns zeigen die Stadttheater an, dass sie die immensen Summen, die sie verschlingen, auch konkurrenztechnisch wert sind. Doch was verbürgt den Erfolg in der Zukunft, wenn die Gegenwart die Aufnahme eines Talents in den Regie-Himmel verweigert? Der ohne jeden Zweifel außerordentlich begabte Regisseur Georg Staudacher, ein bubenhafter Mittdreißiger mit traurigen, schwimmenden Augen, musste dem eigenen Wertpapier beim freien Fall in die ganz tiefe Baisse ungläubig zusehen.

Das Form-Papier seiner Uraufführungsinszenierung von Gert Jonkes Die Vögel segelte, mit chaotischen Zeichen bedeckt, an den Ecken eingerissen, mit allen zerronnenen Träumen in den Orkus der allgemeinen Verdammung. Das Wiener Volkstheater, die verzweifelt mutige Großbühne, die sich ab und an getraut, mit wunderhellem Nonsens wie Jonkes Aristophanes-Weiterdichtung auf die Hauptbühne zu gehen, versank im Anschluss an ein böse niedergezischeltes Premierenfiasko in eine Depression.

Heute, nach bald einem Monat, klammert sich Staudacher an den olympischen Überlebensgedanken. Noch immer ist Dabeisein nicht alles - Dabeibleiben ist die Kunst. Er sagt, mit dem Abstand eines wenig ergötzlichen Monats: "Ich war zuerst wie paralysiert. Die Geschichte war doch die, dass wir in die Volkstheater-Premiere mit der Gewissheit einer Trainingsbestzeit gegangen sind! Es gab keinen ,Trainer', der uns gesagt hätte: Das führt zu weit an den Torstangen vorbei. Niemand hat uns auf irgendeine Weise beunruhigt oder gewarnt - weder die Direktion, noch die Dramaturgie."

Die unrühmliche Kunst des Umfallens sagte man dafür den Volkstheater-Granden nach: Nicht nur, dass die Zahl der Vögel-Vorstellungen rund um die Hälfte halbiert wurde; zum Auftakt eines milden, lauen Vorstellungsabends betrat Dramaturg Oliver vom Hove die Bühne, um dem schütter erschienenen Abo-Publikum eine Ersatzleistung für die Vögel-Karte bereitwillig in Aussicht zu stellen. So viel vorauseilende Großzügigkeit veranlasste den Rabenhof, der um Staudachers Dienste mitbietet, Herrn vom Hove den wenig kleidsamen Titel eines "Theaterarschs des Monats" zuzusprechen.

Direktorin Emmy Werner stellte, vom STANDARD befragt, jede böse Absicht rundweg in Abrede: Sie habe den Beteiligten eher noch einen Dienst erwiesen; die Direktion hätte für ihre couragierte Entschuldigung beim p. t. Publikum und beim Ensemble sogar viel Zustimmung geerntet.

Staudacher selbst steht weiterhin im Haus am Weghuberpark unter Vertrag. Er wird noch in diesem Juni ein Stück inszenieren, das wohlmeinend für ihn ausgesucht wird. Ein "Denkmal" werde man ihm dafür nicht errichten, sagt Staudacher. Es handle sich um ein "Schauspielerstück" - und insofern wohl um Neuland für einen, der bisher aus Texten von Wolfgang Bauer oder Robert Wolf den Wahnsinn herausschälte: wie das Resthirn aus der Walnuss.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. 2. 2002)

Von
Ronald Pohl

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