Orchesterschrei am Ort der Tragik

19. Februar 2002, 21:01
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Die Wiener Symphoniker im Konzerthaus

Wien - Ein "Konzert gegen die Violine" wurde es schon genannt. Anderen war das Werk von Brahms eine "Symphonie mit obligater Violine". Joji Hattori hatte das in jedem Fall schwierige Brahmssche kühn und mit dem Einsatz aller Kräfte (und Bogenhaare) interpretiert. Vor allem die "wienerischen" Einsätze im dritten Satz, die so federnd und hüpfend aus dem unbetonten Taktteil einen betonten machen, rissen den Saal mit.

Danach Symphonisches: Virtuos zieht Dirigent Vladimir Fedosejev alle Register seines dirigentischen Könnens, wenn die Musik nur dramatisch genug ist; wenn sie Spielwitz, Todesanmut, vielfältige Farbschattierungen und buffoneske bis tragische Effekte besitzt. Das gilt auch für Tschaikowskys Sechste Symphonie.

Der wehmütige russische Melodiker kostet im Wiener Konzerthaus gleichsam Hand in Hand mit Fedosejev den Schmerz aus, bäumt sich gegen Schicksalsschläge auf, ringt mit sich und schließt mit einem ersterbenden Adagio lamentoso. Manche behaupten, die Blechbläser-Schreie im zweiten Durchführungsteil bewiesen klangvoll, dass der Komponist nicht mehr wirklich leben wollte.

Vladimir Fedosejev kennt sich besser aus: Er gestaltet die Seelenlandschaft des dramatischen Melodikers wie die von ihm bevorzugte zerklüftete Naturlandschaft zwischen St. Petersburg und Moskau - robust und ehrlich. Die Symphoniker nehmen das Werk übrigens auf ihre Japan-Tournee mit.
(henn/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. 2. 2002)

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