UN-Diplomat: "Bush kennt Geschichte nicht"

19. Februar 2002, 19:39
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Hans Graf Sponeck fordert ein Ende der Irak-Sanktionen

Wien - 17 Monate war der deutsche Diplomat Hans Graf Sponeck Leiter des UN-Hilfsprogramms in Bagdad. Im Frühjahr 2000 trat er aus Protest gegen die Sanktionen zurück. "Technisch ist die Entscheidung für einen neuen Krieg gegen den Irak schon gefallen", sagt er heute.

DER STANDARD: Was erscheint Ihnen wichtiger: die Sanktionen aufzuheben, die die irakische Bevölkerung treffen, oder ein Regime einzudämmen, das sich Massenvernichtungswaffen beschafft hat oder sich beschaffen könnte, und wohl auch keine Skrupel hätte, sie einzusetzen?

Sponeck: Die erste Priorität ist ganz klar: Eine Politik, die zwölf Jahre lang den Falschen bestraft hat, muss beendet werden. Die Wirtschaftssanktionen müssen aufgehoben werden. Ich plädiere dafür, dass das Militärembargo bestehen bleibt und sogar intensiviert wird, nicht nur gegenüber dem Irak, sondern auch für den Verkäufer der Waffen. Abrüstung muss für den ganzen Mittleren Osten gelten.

DER STANDARD: Sie halten das Regime in Bagdad also für nicht so gefährlich?

Sponeck: Die Geschichte wird zeigen, dass das, was heute behauptet wird, dass der Irak eine Gefahr für die Welt ist - das ist dummes Zeug. Die Geheimdienste wissen sehr gut Bescheid, was der Irak wirklich darstellt. Als die Waffeninspektoren am Abend des 16. Dezember 1998 abgezogen wurden, zeigten ihre Berichte, dass der Irak ballistisch, nuklear und chemisch voll abgerüstet war. Nur im biologischen Bereich waren noch einige Fragen offen. Aber selbst diese fehlenden Informationen waren nach Ansicht der Inspektoren wie Scott Ritter nicht gravierend. Der Irak kann nur dann das Wissen nutzen, das heute in den Gehirnen seiner Experten ist, wenn er sehr viel Geld hat und die Technologie, und die Technologie hat er heute nicht mehr. Das ist alles Teil einer Dämonisierungskampagne, die läuft, denn ohne dieses Feindbild hat man keine Berechtigung mehr, diese Politik im Golf weiterhin aufrechtzuerhalten.

DER STANDARD: Was fällt Ihnen ein zum Begriff "Achse des Bösen"?

Sponeck: Dass das zeigt, dass Herr Bush die Geschichte nicht kennt. Italien, Japan und Deutschland waren eine Achse, die zusammengearbeitet hat. Nordkorea ist viel zu weit weg, Iran und Irak waren Kriegsfeinde, die noch viel aufzuarbeiten haben. Das ist ein Begriff, der leider gut klingt, aber oberflächlich ist, geschichtlich bedeutungslos.

DER STANDARD: Dann macht Ihnen die Kritik der Europäer an Bush Mut?

Sponeck: Absolut! Ich habe verzweifelt auf die Stimme des deutschen Außenministers Fischer gewartet, Hubert Védrine hat immer wieder gewarnt, Jack Straw, der britische Außenminister, hat sich mäßigend zurückgehalten - die kritischen Stimmen mehren sich nun. (DER STANARD-Print-Ausgabe, 20.2.2002)

Von Markus Bernath
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