Wer einmal lügt: Irak und seine Waffen

19. Februar 2002, 19:17
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Bagdads Führung ist ebenfalls mit dem Begriff "Täuschungsaktion" vertraut

Bagdad/Wien - Was eine "publizistische Offensive", die auch "Falschmeldungen" nicht scheut, ist, weiß man auch in Bagdad nur allzu gut. Lügen oder nicht ist zwar nicht wirklich ein Problem für autoritäre Regime `a la Saddam, die ohnehin niemandem Rechenschaft ablegen. Aber 1991, nach der Niederlage im Golfkrieg, war dem Irak die Aussicht auf Normalisierung seiner Beziehungen mit der Welt eine aufwändige konzertierte Täuschungs- und Vertuschungsaktion wert, was seine Waffenindustrie betraf.

Im April 1991 akzeptierte Bagdad die UN-Resolution 687, die die Zerstörung seiner Massenvernichtungswaffen und ballistischen Raketen mit einer Reichweite über 150 km festschrieb. Gleichzeitig beschloss die irakische Führung, das wahre Ausmaß der Waffenprogramme zu verheimlichen, um die Abwicklung der Abrüstung möglichst kurz zu halten und bald wieder aus den daran gekoppelten UNO-Sanktionen zu entkommen: In Eigenregie gingen die Iraker an die Vernichtung von unter Resolution 687 fallende Waffen - ob dabei etwas für zukünftige Programme abgezweigt oder wirklich alles zerstört wurde, konnte später die Irak-Abrüstungskommission Unscom, nachdem 1995 die irakischen Lügen aufgeflogen waren, nicht im Detail klären.

Zwischen der ersten FFCD ("Full, Final and Complete Disclosure"), die Bagdad etwa zu seinem biologischen Waffenprogramm im Mai 1992 abgab, und der fünften FFCD im September 1997, die von UNO-Experten noch immer als völlig ungenügend angesehen wurde, lagen jedenfalls Welten: vom defensiven biologischen Waffenprogramm im Forschungsstadium 1992 bis zu fünf (1998 acht) zugegebenen mit Anthrax bestückten Gefechtsköpfen, dazu Munition und Gefechtsköpfe mit Botulin, Aflatoxin und Ricin.

Irakische Offizielle wiederholten bis zum Abbruch der Unscom-Mission 1998 gebetsmühlenartig, dass nach 1991 alles zerstört wurde, sie können es aber nicht nachweisen. Die moralische Empörung darüber, dass ihnen die internationale Gemeinschaft nicht mehr glaubt, ist angesichts der Vorgeschichte pathetisch. Am absurdesten war wohl die der UNO 1995 präsentierte Behauptung, dass der (1995 aus dem Irak geflüchtete und bei seiner Rückkehr ermordete) Saddam-Schwiegersohn und Industrieminister Hussein Kamel die Massenvernichtungswaffenprogramme allein betrieben hatte, ohne Wissen des Diktators. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 20.2.2002)

Von Gudrun Harrer
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