"Xiao Bushe" auf familiären Spuren

19. Februar 2002, 22:25
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Mit dem kommenden Besuch in Peking knüpft US-Präsident Bush an eine enge Beziehung seiner Familie zum Reich der Mitte an

Bei schönem Wetter geht Ying Jizeng täglich die wenigen Hundert Meter aus der engen Hutong-Gasse, in der er wohnt, bis zur nächsten Kreuzung. Mit dem markanten Gesicht, seinem buschigen weißen Bart und der gefütterten blauen Mao-Jacke zieht der alte Mann die Blicke auf sich. Unbeweglich schaut er dem Verkehr auf dem neuen sechsspurigen Pingan- Boulevard in der Oststadt zu.

Am Donnerstag oder am Freitag wird die Kolonne von George W. Bush vorbeibrausen. Wenn die Polizei für die Anwohner der Hutongs den Zutritt zur Ost-West-Achse sperrt, wird man auch dem schwerhörigen 93-Jährigen ins Ohr brüllen: Da fahre der US- Präsident vorbei. Ying wird nur nicken: Den kenne er.

"Der kleine Bush"

Keiner der Umstehenden wird dabei ahnen, wie vertraut der Greis wirklich mit der Familie Bush von George Senior bis zum heutigen Präsidenten George W. ist, den die Chinesen "Xiao Bushe", den kleinen Bush nennen. Es ist eine jener unglaublichen Pekinger Geschichten, die erklären, wieso die chinesischen Führer so gut auf die Familie Bush zu sprechen sind. Und das, obwohl unter der Präsidentschaft von Vater Bush ebenso wie jetzt auch unter der seines Sohnes die größten Waffenlieferungen in der US-Geschichte an Taiwan beschlossen und ausgeführt wurden und obwohl beide gegen "Schurkenstaaten" auftreten, die enge politische Verbündete der Volksrepublik waren oder sind.

Schon vor 20 Jahren nannte Chinas "starker Mann" Deng Xiaoping den damaligen Vizepräsidenten Bush einen alten Freund. Parteichef Jiang Zemin, der Bush Senior und dessen Frau Barbara in den vergangenen zehn Jahren in Peking mehrmals traf, will sie wieder treffen, wenn er im kommenden Oktober die USA und die Ranch der Bush-Familie besucht.

"Onward Christian Soldiers

An dem Naheverhältnis hat auch der Greis Ying seinen Anteil. Zuletzt traf er Bush Senior vor zwölf Jahren. Der Präsident bat ihn zum Besuch in die USA und auch ins Weiße Haus, obwohl er gerade den Golfkrieg vorbereitete. Derselbe evangelische Pfarrer Ying hörte - und das liegt schon über ein Vierteljahrhundert zurück - den damals 29-jährigen Bush Junior in Peking die Hymne "Onward Christian Soldiers" singen.

Erste erlaubte Taufe Auf Bitten der Eltern Bush taufte er am 18. August 1975 die 16-jährige Tochter Dorothy, die mit ihrem Bruder zu Besuch nach Peking gekommen war. Es war die erste erlaubte Taufe in China seit der Kulturrevolution. Die Großfamilie hatte sich dazu im zweiten Stock der Dongdaner Mishitang, der "Kirche am Reismarkt" versammelt. "Ich taufte das kleine Mädchen nach chinesischer Tradition. Wir haben gesungen, knieten nieder und sprachen den Dialog. Ich in Chinesisch, sie in Englisch. Dann benetzte ich ihr die Stirn."

In der 1910 erbauten Kapelle der "Bibel-Gesellschaft", die heute als Sitz des protestantischen Rates Pekings dient, kamen Mitte der 70er- Jahre jeden Sonntag eine Hand voll Pekinger Diplomaten zum Gottesdienst zusammen. "Wir machten das für die Ausländer", erzählt Ying. Chinesen standen staunend vor dem Gitter. Die Bushs radelten bei schönem Wetter auf dem Fahrrad an. Vater Bush fuhr das Markenrad "Feige" (Fliegende Taube), das Chinesen nur mit Coupons kaufen konnten.

Der Diplomat Bush war im September 1974 nach Peking geschickt worden, um mit einem Verbindungsbüro die geplante US-Mission aufzubauen. Wegen der Taiwan-Frage konnte die Botschaft erst 1979 offiziell eingeweiht werden. Präsident Richard Nixon hatte mit seinem historischen Peking-Besuch am 21. und 22. Februar 1972 die Basis dafür gelegt - einer der Gründe, warum George W. Bush seine Chinareise auf diese beiden Tage legen ließ. (DER STANARD Print-Ausgabe, 20.2.2002)

STANDARD- Korrespondent Johnny Erling aus Peking
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