Wirtschaftsweise kritisieren EU-Stabilitätspakt

19. Februar 2002, 14:58
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Euro-Schwäche hängt an rückläufigem Bargeldbestand

Brüssel - Grundsätzliche Kritik am EU-Stabilitätspakt, der ausufernde Defizite in den Euroländern verhindern soll, üben sieben Wirtschaftsweise, die im Auftrag des EU-Parlaments einen Bericht über die Konjunktur in der EU erstellt haben. Der Pakt sei zu wenig flexibel und könnte zu einer pro-zyklischen Politik zwingen, die eine Rezession noch verstärkt, so Gilles Saint-Paul von der Universität Toulouse.

Der deutsche Wirtschaftsforscher Hans-Werner Sinn kritisierte, dass der Stabilitätspakt nicht zwischen strukturellem und zyklischem Defizit unterscheide und deshalb zu einer falschen Politik zwingen könne. Zugleich sagte Sinn, die Defizitwarnung an Deutschland, die dann von der deutschen Regierung abgebogen wurde, wäre ungerechtfertigt gewesen, weil die meisten Prognosen davon ausgingen, dass das deutsche Defizit mit 2,6 Prozent unter dem Grenzwert von 3,0 Prozent bleiben würde.

Liquide Mitteln direkt in den Dollar geflossen

Die Forscher haben auch einen Grund für den schwachen Kurs des Euro gegenüber dem Dollar ausgemacht. Rund 90 Mrd. Euro an liquiden Mitteln in Euro-Währungen (Bargeld und kurzfristige Verbindlichkeiten) seien aus dem Umlauf genommen worden und direkt oder indirekt in den Dollar geflossen. Diese Umschichtung erkläre genau den Wertverlust von gut 40 Cent, den der Euro gegenüber dem Dollar erlitten habe, so Giancarlo Corsetti von der Uni Rom III.

Die Wirtschaftsforscher sagen der Eurozone heuer ein Wachstum von 1,3 Prozent voraus, nach 1,6 Prozent im Jahr 2001. Die Weltwirtschaft werde hingegen 2002 um 2,3 Prozent zulegen, nach 2,1 Prozent im Vorjahr. Die USA werden sich als erstes erholen und Impulse für die weltweite Konjunktur geben.

Das deutsche Institut Ifo hat außerdem in einem seit Jahren erhobenen aber nun erstmals in den Medien publizierten Indikator der Erwartungen festgestellt, dass die Wirtschaft weltweit in der Einschätzung des Wirtschaftsklimas wieder auf dem Niveau vor den Anschlägen in New York liege. In Europa werde allerdings die aktuelle Lage weiter deutlich negativer eingestuft als vor den Anschlägen.(APA)

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