Die Pest

19. Februar 2002, 13:26
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Die Pest: Das Schreckgespenst geht wieder um 1 Jedes Jahr Erkrankungsfälle und Tote - Auch in den USA - Übertragung von Nagetieren - Krankheit der Armut und schlechter hygienischer Bedingungen

Wien (APA) - Die Pest. Das für Laien wahrscheinlich größte Seuchen-Schreckgespenst geht mit den Erkrankungsfällen in Indien wieder um. Die über Flöhe von Nagetieren - besonders von Ratten - übertragene Krankheit ist auch Jahrhunderte nach den Seuchenzügen des Mittelalters noch nicht vollständig besiegt. Jedes Jahr werden Erkrankungen und Todesfälle registriert - auch in einem so hoch entwickelten Land wie den USA. Armut und miserable hygienische Bedingungen in vielen Ländern der Erde sind der Nährboden.

In seinem beklemmenden und zugleich menschlich zutiefst berührenden Roman "Die Pest" hat Albert Camus den Beginn eines solchen Seuchenzuges im algerischen Oran folgendermaßen beschrieben: "Am selben Abend stand Bernard Rieux (Arzt und Hauptgestalt des Werkes, Anm.) unten am Hauseingang und suchte seine Schlüssel, bevor er ins eine Wohnung hinaufstieg. Da sah er aus dem Dunkel des Gangs eine dicke Ratte auftauchen, mit feuchtem Fell und unsicherem Gang. Das Tier blieb stehen, schien sein Gleichgewicht zu suchen, wendete sich gegen den Arzt, blieb wieder stehen, drehte sich mit einem leisen Schrei im Kreis und fiel schließlich zu Boden, wobei aus den halbgeöffneten Lefzen Blut quoll. Der Arzt betrachtete es einen Augenblick und ging hinauf."

Vor den Menschen sterben die Nager an der Pest. Wenn die grau-braunen "Ratten aus den Löchern kriechen" und verenden - das beobachtete man auch beispielsweise bei einem Ausbruch der Seuche im Juni 1993 in Norduganda (mehr als 30 Tote) -, dann ist der "Schwarze Tod" nicht mehr weit.

Klar, dass dieser "apokalyptische Reiter" die Menschen immer schon berührte. Im Jahr 180 erlag ihr im Feldlager Vindobona der römische Kaiser Marc Aurel. Im 6. Jahrhundert gab es in weiten Teilen Europas die "Justinianische Pest". 600 Jahre lang wurde die Krankheit danach nicht mehr registriert, bis 1348 drei Handelsschiffe aus dem Orient im Hafen von Messina in Sizilien einliefen. Sie hatten wirklich die "Pest an Bord". Über Schiffe wurde die Krankheit nach Pisa, Florenz und Venedig gebracht.

Die Ausmaße dieser Pestwelle waren verheerend. In Venedig zählte man 100.000 Tote - drei Viertel der Bevölkerung! In Deutschland gab es innerhalb eines halben Jahres 500.000 Tote zu beklagen. Im Sommer 1349 wurden über 40.000 Einwohner von Wien Opfer des 'Schwarzen Todes'. Insgesamt waren an die 25 Millionen Tote durch diese Pestwelle in Europa zu beklagen.

Die Krankheit tobte in Europa bis zum Ende des 17. Jahrhunderts. Erst rigorose Hygieneanordnungen - die Häuser der Erkrankten oder Verstorbenen wurden zum Beispiel ausgeräuchert - und Fortschritte in der Kommunalverwaltung (Straßensäuberung, Abfallbeseitigung) entzogen dem "Schwarzen Tod" schließlich den Boden. 50 Millionen Tote bei Seuchenzügen Weltweit 81.000 Erkrankte und 6.600 Opfer von 1954 bis 1997 - Resistente Yersinia-Keime in Madagaskar aufgetaucht Wien/APA

"Die Pest ist primär eine Krankheit der Nagetiere und ihrer Flöhe, die Menschen infizieren können. Sie wird zwischen den Nagetieren durch deren Flöhe übertragen und kann auf Menschen überspringen, wenn die Flöhe sie beißen. Wie bei den meisten 'Zoonosen' (Krankheiten aus dem Tierreich, die Menschen betreffen können, Anm.) handelt es sich beim Menschen um eine schwere Erkrankung. Unbehandelt sterben 50 bis 60 Prozent der Erkrankten", schrieb die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vergangenes Jahr in ihrem Bericht über infektiöse Krankheiten.

Allein im 14. Jahrhundert forderte der "Schwarze Tod" rund 50 Millionen Todesopfer - die Hälfte davon in Asien und Afrika, die andere Hälfte in Europa. Auf die ersten beiden Pandemien ("Justinianische Pest", 14. Jahrhundert) folgte ab 1884 von Kanton und Hongkong ausgehend ein dritter Seuchenzug, der bis 1908 dauerte. Allein in Indien gab es von 1898 bis 1908 rund sechs Millionen Tote.

Infizierte Nagetiere (Ratten etc.) gibt es beispielsweise im gesamten Westen der USA, im südlichen Afrika sowie in weiten Teilen Asiens, nicht jedoch in Australien. Besiegt ist die Krankheit bei weitem nicht: Von 1954 bis 1997 wurden weltweit rund 80.613 Pestfälle registriert. Die Zahl der Todesopfer belief sich auf 6.587.

Während Europa von Erkrankungsfällen in der jüngeren Vergangenheit verschont blieb, gibt es sowohl in Nord- als auch in Südamerika jedes Jahr wieder die Pest. In Brasilien, Peru und den USA wurden von 1994 bis 1997 jedes Jahr wieder Pest-Fälle beobachtet. 1980 bis 1997 waren es am amerikanischen Kontinent insgesamt 3.137 Erkrankungen mit 194 Todesfällen. Da die meisten Betroffenen schnell mit Antibiotika behandelt wurden, lag dort die Sterblichkeitsrate bei 6,2 Prozent.

1999 wurde die Pest in 14 Staaten der Erde mit insgesamt 2.603 Erkrankungen und 212 Todesfällen registriert. Zuletzt weltweit für Aufsehen sorgte ein Ausbruch in Indien im Herbst 1994. Er wurde allerdings später von Fachleuten überhaupt als solcher bezweifelt. Laut indischen Angaben starben damals 57 Menschen. Mikrobiologen bezweifelten das und sprachen von einer "Medienente". Die Weltöffentlichkeit reagierte jedenfalls ziemlich heftig. In Europa inklusive Österreich wurden gar rigorose Kontrollen des Flugverkehrs und von Flugreisenden erlassen. Aussicht auf eine echte Kontrolle der Ausbreitung durch solche Maßnahmen besteht allerdings im modernen Flugverkehr mit täglich Millionen Passagieren kaum.

Am gefährlichsten ist jedenfalls die Lungenpest, was die Übertragung angeht. Sie erfolgt durch Tröpfcheninfektion (Husten). Die "Beulenpest" äußert sich durch die riesig aufgeschwollenen bis sogar aufbrechenden betroffenen Lymphknoten. Ohne Behandlung tödlich verläuft die "septikämische" Pest, bei der es zu einer Blutvergiftung kommt.

Zur Beherrschung von Krankheitsausbrüchen stehen vor allem die traditionellen seuchenhygienischen Maßnahmen wie Isolation der Erkrankten und deren sofortige Behandlung mit Antibiotika zur Verfügung. Viel besser wäre es natürlich, man könnte das Auftreten der Seuche durch eine Gewährleistung akzeptabler hygienischer Verhältnisse weltweit verhindern. Eine Impfung gibt es, doch die wird nur für Risikopersonen empfohlen, zum Beispiel für das Gesundheitspersonal.

An sich wirken seit Jahrzehnten bekannte Antibiotika wie Streptomycin, Chloramphenicol und Tetrazyklin sehr gut gegen die Pesterreger. Doch 1995 sorgten Meldungen aus Madagaskar für Aufregung: Ein 16-jähriger Bub war an Pest erkrankt. Experten des nationalen französischen Referenzlabors für Antibiotika in Paris machten bei der Untersuchung der Erreger dann ausgesprochen unangenehme Entdeckungen. Die Yersinia pestis-Keime waren gegen die Antibiotika Ampicillin, Chloramphenicol, Kanamycin, Streptomycin, Spectinomycin, Sulfonamid, Tetrazyklin und Minocyclin resistent. Auch wenn der Patient durch die Gabe eines anderen Medikaments schließlich gerettet wurde: Antibiotika-resistente Pest-Keime sind auf jeden Fall ausgesprochen "unangenehm".

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