Brügge - Ganz persönlich

13. Juni 2002, 13:14
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Reichtum einer Kaiserstadt, mittelalterliche Steuerverweigerer und freundliche Menschen - Begegnungen in Ostflandern, erlebt von Anita Fritsche

Erster Tag

Mittelalterliche Kulisse für beschauliches Leben. Aber: "Der Drache am Belfort, dem Stadtturm aus dem 14.Jh., schläft nie. Gent ist immer wachsam und die Genter ein eigenwilliges Volk", leitet die Stadtführerin ihren Rundgang durch die Geburtsstadt von Karl V. ein. Und betont, "wie stolz die Österreicher auf ihr Land sein können".

Danach hören wir all das, was im Stadtführer zu lesen ist, bestaunen das Gezeigte und beschließen, die einst reiche Kaiserstadt abseits der großen Ereignisse kennen zu lernen.

Geschichten rund um das Geld lassen sich dabei kaum vermeiden. Zum Beispiel ist es heute vergleichsweise harmlos, wenn der Geldeintreiber des Finanzamtes vor der Türe steht. Karl V. hat die sperrigen Reichen seiner Geburtsstadt, als sie den Obolus für die teure Kriegsführung verweigerten, mit dem Strick um den Hals, barfuß im Büßerhemd quer durch die Stadt an den Galgen geschickt. Dem Galgenstrick begegnen auch wir: In Form von Schlüsselanhängern und skurillem Halsschmuck füllt er heute noch die Kassen. Und die Hotels, wenn die männliche Genter Prominenz alljährlich als Touristenattraktion die Vergangenheit aufleben lässt.

Beim Spaziergang durch eine der schönsten historischen Städte Europas begegnen wir aber auch großem Reichtum anderer Art. Es gibt kein Vorbei an dem weltberühm- ten Genter Altar von Jan van Eyck (1432) in der St. Bravo Kathedrale. Das Flandern Musik Festival zieht prominente Künstler und weltweit Besucher an. Die geschlossen erhaltene mittelalterliche Kulisse rund um das Prinzenschloss verlangt dem Besucher gebührende Bewunderung ab.

Respektables Angebot gibt es auch für die Erfrischungsphase danach. Bei Waterzooi van Noordzeevis (Gemüserahmsuppe mit Nordseefisch), Rundsfilet met Truffeljus (getrüffeltem Rinderfilet) und französischem, mangels belgischem Wein lässt sich's genießen, im ältesten Hotel Europas, dem 1228 von Maria von Burgund als Gasthaus erbauten St. Jorishof - Cour St-Georges gut leben. Als ein interessantes Danach empfiehlt sich das Galgenhuisje, das kleinste, jemals erlebte Bierlokal zu ebener Erd und im ersten Stock. Unter Belgiens 400 Biersorten ist man hier selbst über Bananen- und Kirschenbier nicht mehr erstaunt.


Zweiter Tag

Am Programm steht ein Ausflug nach Brügge. Sehenswert wie Gent, aber auch ähnlich, also können wir uns nach einer Kutschenfahrt zum mittelalterlichen Frauenhaus, dem Beginenhof, an diesem Tag mehr den banalen Dingen widmen. Der Shoppingbummel artet in einer Ansammlung von Essbarem aus. Drei Sorten Pralinen, weil jeder Insider eine andere als "die Beste" empfiehlt. Delikatessen in zahllosen kleinen Häppchen verkosten und einpacken lassen, Meerestiere am Fischmarkt und einen fünf Meter langen Reisebus mit 1000 verschiedenen Käsesorten bestaunen. Als würdiges Finale ein hervorragendes sechsgängiges Menü, in dem vom Amuse Geule bis zum Dessert, vom Aperitiv bis zum Digestiv in allem und zu jedem die richtige Biersorte verkocht und serviert wurde. Kein Wunder, dass beim anschließenden Rückflug das von Sabena appetitlich servierte Brathuhn kaum Beachtung fand.

Anreise
Flug von Wien Schwechat nach Brüssel. Die belgische Fluglinie SN Brussels Airlines bietet täglich vier Flüge Wien - Brüssel und Brüssel - Wien.
Weiterfahrt von Brüssel ca. eine Stunde nach Gent mit Bus, Zug oder Leihauto. Von Gent aus ist das rund 30 km entfernte Brügge ein bequemer Tagesausflug. Bei Rückflug-Anreise aus Brügge ist eine Anreisezeit mit dem Bus von ca. drei Stunden einzukalkulieren.

Auskunft und Buchung
SN Brussels Airlines
Tel.: 0820 / 400030 aus ganz Österreich .

Tourismuswerbung Flandern - Brüssel: 1060 Wien, Mariahilferstr. 121 b, Tel: (01) 596 06 60

www.flandern.co.at

Veranstaltungen:
Das Flandern-Festival ist Belgiens großes Musikfesival mit internationaler Bedeutung und Veranstaltungen in Brüssel und Gent von Juni bis Ende Oktober.

www.festival-van-vlaanderen.be

Essen und Trinken
Wer gutes Essen schätzt, sollte allein schon deshalb nach Flandern reisen. In Gent kann man unter 450 einladend wirkenden Restaurants und Bierlokalen wählen. Zum Biertrinker werden hier auch eingefleischte Gegner des üblichen Gerstensaftes. Bei Jan Breydel in der Jan Breydelstraat 10 wird ein Bier/ Champagner-Gemisch zum erfrischenden Aperitiv. Das Dessert - ein Biersorbet - hat mit derbem Biergeschmack nichts zu tun.

Ganz persönlich

Es macht mir Flandern sympathisch, dass Stadtführungen nicht nur von kulturhistorischem Ernst geprägt sind sondern auch banale Bildungslücken schließen. So zum Beispiel durch die Erkenntnis, dass der "Stinkreiche" flämischer Abstammung ist und durch österreichischen Innovationsgeist lukrativ genutzt werden konnte. Der "Stinkreiche" stammt aus dem Ehrengrab im seichten Boden der Krypta flämischer Kathedralen. Der sich verbreitende Leichengeruch wurde so stark, dass die Kathedralen teilweise nur mit Essigtüchern vor dem Gesicht betreten werden konnten. Maria Theresias Sohn, Josef II. schuf Abhilfe durch Bestattungsverbot. Wer sich für die Ewigkeit kirchliche Würdigung sichern wollte, bekam diese bei entsprechender Spendenbereitschaft nun durch eine Wappentafel im Kirchenschiff.

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