Vor 42.000 Jahren: Die Geburt des Schmucks

18. Februar 2002, 20:22
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Oder: warum die physiologisch seit 100.000 Jahren modernen Menschen viel später erst auch intellektuell modern wurden

Tucson - Vor 42.000 Jahren begannen unsere Ahnen, sich mit Schmuck zu behängen, und zwar allerorten, im heutigen Kenia und Bulgarien wie in der heutigen Türkei. Dort wurden nun durchbohrte Muscheln gefunden, die wohl zu Ketten aufgefädelt waren und Antwort auf die alte Frage geben könnten, warum die physiologisch seit 100.000 Jahren modernen Menschen viel später erst auch intellektuell modern wurden und komplexe ästhetische Gegenstände erfanden: offenbar als Antwort auf das Problem der sozialen Integration dichter zusammenlebender Bevölkerungen.

Das präsentierte zumindest die Ausgräberin des Schmucks in der Türkei, Mary Stiner von der University of California in Tucson, auf der Jahrestagung der US-Naturwissenschafter in Boston als ihren Befund aus dem, was sie sonst noch gefunden hat: Zur gleichen Zeit, in der der Schmuck aufkam, wurde die Ernährung umgestellt, von einfach zu erjagenden, langsamen Tieren wie Schildkröten auf rasch flüchtende, Hasen etwa. Daraus schließt Stiner auf Übernutzung der alten Ressourcen durch Bevölkerungskonzentration.

Und daraus leitet sie ein wachsendes soziales Bedürfnis, Rang und Herkunft auszudrücken, ab. Diese Hypothese vom Modernisierungsschub durch Gesellschaft widerspricht der früheren Annahme einer biologischen Evolution des Gehirns.

Multiregionalismus

Der Befund greift auch in die anthropologische Streitfrage nach dem Ursprung aller heutigen Menschen ein. Die herrschende Hypothese - "out of Africa" - postuliert zwei große Wellen. Demnach sind erste Vormenschen vor zwei Millionen Jahren aus Afrika in die Welt gewandert und wurden von einer zweiten Welle vor 100.000 Jahren erschlagen.

Andere Forscher sehen einen "multiregionalistischen" Ursprung, der die Menschen zwar gleichzeitig, aber unabhängig voneinander in mehreren Regionen auf den modernen Stand gebracht hat. Dass Schmuck allerorten gleichzeitig aufkam, spricht dafür. (jl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19. 2. 2002)

  • Durchbohrte Muschelschalen, gefunden in der Türkei
    foto: stiner

    Durchbohrte Muschelschalen, gefunden in der Türkei

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